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"Wiesentänze sind noch jetzt in Übung"


Des Volkes Eigenart.
von Anton Birlinger
Es ist schwierig, die Eigenart der Gesammtbevölkerung innerhalb des weiten Striches zwischen Rhein, Lech und Alpen scharf zu kennzeichnen. Im Allgemeinen läßt sich nur sagen, die Alamannen und Schwaben seien ächt deutschen Blutes und nehmen, rein erhalten, in vollem Maße an jenen Eigenschaften Theil, welche den Deutschen, leiblich wie geistig, von den andern indo-germanischen Stämmen unterscheidet.
Das Volk ist schlank und hoch gewachsen, kräftig gebaut, ausdauernd. Die Kinder kommen mit hellblonden Haaren zur Welt, welche mit den Jahren gewöhnlich braun sich färben, nicht selten auch bis zu braunschwarz sich verdunkeln.
Es ist ein gemüthreiches, arbeitsames, nüchternes Volk, dabei lebenslustig, heiter, wie schon zu Kaiser Julians Zeit Gesang und Tanz liebend. Wiesentänze sind noch jetzt in Uebung.
Was er beginnt, der Schwabe, treibt er mit Lust und bringt es damit in der Regel so weit, ein Schärflein für die unnützen Tage zurück zu legen. Was er angreift, thut er ernst und geschickt. Die bürgerlichen Gewerbe blühten daher wie jetzt so schon im Mittelalter. Für des Ackerbaues rechten Betrieb sorgt die landwirthschaftliche Schule zu Hohenheim, auch im Auslande wohlbekannt; daneben wird edler Wein und viel Obst erzeugt. In den gebirgigen Theilen gewährt Viehzucht des Lebens Unterhalt. Der Schlag der Heerden war schon unter dem Ostgothen Theodorich († 525) ein vorzüglicher; aus ihnen sollten die Noriker, gebot er, ihr kleines Vieh veredeln.
Die Schwaben zieht es gerne in die Fremde. Schwaben und bös Geld – meint Sebastian Frank – findet man in aller Welt.
Daß die Schwaben bei den bayerischen Nachbaren in den Geruch der Falschheit gekommen sind, mag auf demselben Grunde beruhen, wie die Meinung der Schwaben von den falschen Franken.
Das Volk ist tapfer und kriegerisch; schon gegen die Römer waren sie die Vorkämpfer deutscher Unabhängigkeit; der Furor teutonicus ist ursprünglich alamannisch. Jetzt stehen sie als Vorhut gegen die Gallo-Romanen. Mit Recht führten daher die Herzoge von Würtemberg die Reichssturmfahne, welche heute noch des Landes Wappenschild ziert. Von je wurden sie vortreffliche Reiter genannt. Römische Schriftsteller machen oft Erwähnung davon bei Sueven, Alamannen, Juthungen. Die Hauptstadt Würtembergs schöpfte ihren Namen von einem Stutenhofe. Pferdezucht lag den Fürsten immer am Herzen und heute ist das würtembergische Gestütwesen von europäischem Rufe.
Die Schwaben sind geistig hoch begabt. Jedes Jahrhundert hat eine große Zahl der ausgezeichnetsten Männer hervorgebracht: kein Zweig des Wissens, der Kunst steht zurück. Es wäre vom Ueberfluß, die Namen der gelehrten Größen unseres Landes hier zu verzeichnen. Ihr Name gehört der Weltgeschichte.
Wie hier die Baukunst ihre staunenswerthen Blüthen trieb, davon zeugen Straßburg, Freiburg, Ulm, Augsburg; nicht  weniger besaßen wir eine eigene Malerschule. Die Bildhauerei schuf Wunder ihrer Kunst. Unübertroffen steht die Holzbildnerei im Chore zu Blaubeuren: nach der Sage ward der Ulmermeister geblendet, auf daß er Gleiches nicht mehr vollende. In Schwaben endlich hat die Dichtkunst recht eigentlich ihre Heimath. Den schwäbischen Minnesängern gebührt im Mittelalter der Preis und die Hohenpriester der göttlichen Kunst, Schiller und Uhland, nennen sich mit Stolz Söhne der schwäbischen Erde.
Soll ich zum Schlusse nicht auch erwähnen der sprüchwörtlichen Schönheit der schwäbischen Frauen und Mädchen? Wer kennt nicht die Weiber von Weinsberg, das Vorbild deutscher Frauentreue, welche auch ihren Homer gefunden? In jenen alten Tagen ziehen sie mit den Männern in das Feld. Den Ariovist begleiteten seine beiden Frauen über den Rhein. Hinter den deutschen Schlachthaufen stellten sie sich auf; mit den Kindern sie zu schützen, entbrannte der Gatte und Vater zu todverachtendem Kampfe. Dafür wurde auch das Weib mit doppeltem Wergelde gesühnt; kein Stamm stellte seine Frauen höher.
Der Dichter Ausonius im vierten Jahrhunderte hatte ein goldhaariges blauäugiges Schwabenmädchen als Gefangene erworben; ihre Schönheit begeisterte ihn, der an Jahren vorgerückt, zu nachstehendem Dichterergusse, den mir mein Freund Oskar von Redwitz hieher also wiedergab:
Bissula, die du erzogen
Jenseits frost'ger Rheinesfluth,
Und der Donau wilde Wogen
Kennst, wo ihre Wiege ruht;
Du, ein holder Raub des Krieges,
Mir als freies Kind geschenkt
Hast als Sklavin deines Sieges
Tief in Wonnen mich versenkt;
 Bist du Römerin auch worden,
Strahlt doch deutsch noch dein Gesicht,
Himmelblau dein Aug vom Norden,
Golden deiner Locken Licht.
So verrathen Aug und Haare
Dich als Kind vom deutschen Strom,
Doch dein Wort, das liedesklare,
Gibt dir Heimathrecht in Rom.
Und als der Maler ihr Bildniß brachte, genügte es dem Dichter nicht: zu Farben hätte er den Duft von Rose und Lilie nehmen sollen, wie es in seiner Ansprache an den Künstler heißt:
Maler! – Aller Farben Töne
Kommen nicht dem Urbild nah,
In so wunderbarer Schöne
Leuchtet meine Bissula.
Mennig, Bleiweiß! – Geht und malet
Andrer Mädchen schön Gesicht!
Denn, wie ihr das Antlitz strahlet,
Diesen Schimmer trefft ihr nicht! –
Sei drum klug, o Maler, mische
Rosengluth und Lilienweiß
Und mit dieser duft'gen Frische
Mal' sie, aller Mädchen Preis!
Die schöne Welserin, eines Kaufherrn Tochter von Augsburg, ward einem stolzen Kaiser zur lieben Schwiegertochter in einer Zeit, wo der Standesunterschied zwischen Fürst und Bürger eine unübersteigliche Kluft bildete und dem Weibe ungleicher Art, welches nur den Adel der Schönheit und Tugend aufweisen konnte, den Tod brachte.
Anmerkung: All denen ins Gebetbuch, die noch immer meinen, vom Stamme der Badener zu sein.
(Quelle: Birlinger, Anton: Sitten und Gebräuche. Freiburg im Breisgau 1862, S. XXVI26-XXIX29.Permalink:http://www.zeno.org/nid/20004573412)