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Zaunkönige, Revoluzzer und ein Priester

Abgeordnete aus dem Wahlkreis Spaichingen im Stuttgarter Landtag

Die Abgeordneten Dietter, Kupferschmid, Schumacher, Neßler (von links).
(tutut). Franz Schuhmacher und Erwin Teufel (CDU) waren die letzten Spaichinger im Landtag, bis es 2011 der einheimische Leo
Grimm schaffte, als erster Liberaler  ins Parlament gewählt zu werden.
Schuhmacher hatte das Direktmandat im Wahlkreis Tuttlingen-Donaueschingen inne, Erwin Teufel m Wahlkreis Schwarzwad-Baar. Der letzte Spaichinger, welcher vorher als MdL in Stuttgart saß, war der inzwischen gestorbene einstige Ehrenbürger Oscar Hagen gewesen, der als Nachrücker für die CDU von 1962 bis 1964 dem Parlament angehörte. Der eine oder andere Spaichinger als Abgeordneter im württembergischen Landtag dürfte bekannter sein als die Tatsache, dass Spaichingen selbst einmal einen eigenen Wahlkreis bildete.
Oberamtswahlbezirk Spaichingen bis 1919
Das einstige Oberamt, welches von 1806 bis 1938 existierte, zu­letzt als Kreis Spaichingen, war auch ein Oberamtswahlbezirk bis 1919. Zwischen 1819, da Württemberg eine neue Verfassung bekam, und 1919 vertraten 16 Männer den Oberamtswahlbezirk, darunter „Zaunkönige", Revoluzzer und ein Priester. Der Stuttgarter Historiker und Politologe Dr. Frank Raberg hat ein „Biografi­sches Handbuch der württembergi­schen Landtagsabgeordneten 1815 -1933" erarbeitet. Es erscheint als Veröffentlichung der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg im Verlag W. Kohlhammer.
Soweit möglich und nötig wurden seine biografischen Daten zum Oberamtswahlbezirk Spaichingen ergänzt. Dr. Raberg hat für das biografische Abgeordnetenhandbuch nur Listen für die Zeit bis 1918 ausgeworfen. Er begründet dies damit, dass es nach der Verfassung von 1919 keine Oberamtswahlkreise mehr gab und entsprechende Zuordnungen auf Grund des komplizierten Wahlrechts recht schwierig seien.
Nach dem Wiener Kongress war das Oberamt Spaichingen durch Syl­vester Merkt (1770-1833) in den Ständeversammlungen auf dem Weg zu einer Verfassung 1815 bis 1817 und 1819 vertreten. Der Resignierte Amtspfleger in Spaichingen Hartwig Brandt be­schreibt in „Parlamentarismus in Württemberg 1819 - 1870 - Anatomie eines deutschen Landtags" (Droste Verlag) die Epoche der folgenden 40 Jahre, was Wahlen angeht, als Periode der Konkurrenz zwischen dem Honoratioren- und dem Parteiprinzip:
Der "lokale Matador"
„Der lokale Matador, die erste Ausprägung des Typus, war in der Regel Vorstand einer weitverzweigten Familienherrschaft, verfügte über Beziehungen in der Region, war durch Vermögen in seiner Unabhängigkeit gesichert und bekleidete Ämter in der kommunalen Hierachie. Er kontrollierte die örtlichen Händel und Interessen, aber sein politischer Gesichtskreis endete nicht selten an den Grenzen des Bezirks. Er galt als lokale Autorität, aber gegenüber den Spitzen von Landtag und Regierung übte er durchweg politische Bescheidung. Eer verkörperte den Fortschrtt, da er ein Sück praktischer Verfassung war, aber seine Wahl selbst war doch zumeist noch ein Vorgang lokaler Akklamation".
Wilhelm Friedrich Wehrle (1789 -1837) war Amts- und Stadtschreiber in Spaichingen und im 1. und 2. Landtag in der Wahlperiode 1819 bis 1825. Wehrle vertrat anschließend Balingen, wo er kommissarischer Stadtschreiber wurde. Auch Karl Friedrich Härlin (1788 -1854), 3. bis 5. Landtag 1825 bis 1831, entsprach den „politischen Zaunkönigen". Er war Amtsnotar in Trossingen, später Gerichtsnotar in Spaichingen und Leonberg.
Für jede Stimme "ein Maaß Wein"
Tiberius Keller (1792 1851) war Mitglied des 6. bis 11. Landtags 831 bis 1844. Er fiel als Priester und Pädagoge aus dem Rahmen der üblich Kandidaten: Er war Vorstand des Konvikts und ab 1833 Rektor des Gymnasiums in Rottweil, ein Mann, der laut Brandt auch die „handfesten Seiten des Geschäfts nicht verachtete" (für jede Stimme „ein Maaß Wein"). Hartwig Brandt sieht Keller auf der liberalen bzw. regierungskritischen Seite im Landtag.
Im 12. bis 14. Landtag von 1844 bis 1848 und später im 21. bis 23. Landtag von 1862 bis 1868 war Joseph Anton Mathes (1800 -1874), Regierungsrat in Ellwangen und später Oberregierungsrat in Stuttgart. Mit Friedrich Franz Platz (1813 -1873) wirkte im 15. Landtag und der 1. Verfassungsrevidierenden Landesversammlung (1848-1849) ein Mann, der als Sohn eines Posthalters in Oberndorf geboren, 1839 Postmeister in der 1835 gegründeten Spaichinger Posthalterei geworden war. Er hatte in der Primstadt den „Goldenen Ochsen" übernommen, welcher danach als „Zur Post" fir­mierte (später: „Alte Post" und Hotel Osswald). Platz war ein tüchtiger Geschäftsmann und angesehener Bürger, der auch Kommandant der Bürgerwehr wurde. Ende 1848 wurde er Postmeister in Rottweil und saß noch bis 1855 im Landtag. In Rottweil wurde er auch schnell zu einer prominenten und geschäftlich erfolgreichen Persönlichkeit. Als Politiker wurde er zu den Demokraten gezählt. Gegner bezeichneten ihn als „Umstürzler".
Neben ihm war auch Dr. Franz Anton Winker (1801-1872) einer der
Spaichinger Revoluzzer. Der Oberamtsarzt war Mitglied der II. Verfassungsberatenden Landesversammlung 1850. In Erscheinung trat er erstmals 1832, als am 7. Juli auf dem Dreifaltigkeitsberg das sogenannte „kleine Hambacher Fest" stattfand. Seine Frau schrieb später in ihren Erinnerungen, dass ihr Mann und andere Redner vom Stadtschultheißen Adolf Theodor Dietter verraten worden seien, was Winker eine mehrmonatige Haft auf dem Asperg einbrachte.
Regierungschef als Abgewordneter wider Willen
Die wohl kurioseste Wahl, es war die 1850 zur III. Verfassungsberatenden Landesversammlung, fiel auf Joseph Freiherr von Linden (1804 -1895), Staatsrat und Leiter des Innen­ministeriums. Er war schon ein paar Wochen württembergischer Regierungschef, als ihn die Spaichinger zu ihrem Abgeordneten wählten. Er wurde als Mann der Reaktion charakterisiert, war im 19. Jahrhundert aber wohl der bedeutendste württembergische Politiker. 14 Jahre waltete er als Regierungschef. Die Spaichinger mochten von Linden zuerst nicht, als sie ihn dann wollten, mochte er nicht. Zunächst hatte er sich im Februar 1850 bereiterklärt, das Mandat anzunehmen, falls die Spaichinger ihn wählten. Die zogen aber Dr. Winker vor. Als im September wieder Wahl war, votierte die Mehrheit für von Linden, obwohl dieser nicht kandidierte. Er nahm trotzdem die Wahl an. Als Abgeordneter kam er aber nie nach Spaichingen. Schon im November 1850 löste von Linden wieder das Parlament auf.
Adolf Theodor Dietter (1799 - 1866) war von 1827 bis 1852 Stadtschultheiß von Spaichingen. Ab 1852 wurde der gelernte Verwaltungsaktuar Sekretär und Registratur bei der Gebäudeversicherungsanstalt in Stuttgart. Von 1851 bis 1856 gehörte er dem nun 19. Landtag, die verfassungsberatenden Landesversammlungen eingerechnet, an. Von Marcus Maximilian Eble, im 20. Landtag in der Wahlperiode 1856 bis 1862, ist das Geburtsdatum 1805 überliefert sowie die Tätigkeit als Oberjustizsekretär in Esslingen und ab 1868 als Kreisgerichtsregistrator in Ravensburg. In den 24. Landtag von 1868 bis 1870 wurde für den Oberamtswahlbezirk Spaichingen Wilhelm Vayhinger (1803 -1877), Obersteuerrat in Stuttgart, gewählt.
Rekordnhalter Leodegar Bühler
Mit 19 Jahren Zugehörigkeit zum Landtag ist Leodegar Bühler (1826 geboren) der Rekordhalter unter den Abgeordneten des Oberamtsbezirks. Er war Mitglied des 25. und 26. Landtags von 1870 bis 1876 und des 29. bis 32. Landtags zwischen 1882 und 1895. Beruflich war er Oberamtspfleger in Spaichingen, wurde 1882 Eisenbahnhauptkassenbuchhalter, 1889 dann Ministerialkassier im Innenministerium mit dem Titel Rechnungsrat. Er gehörte der Deutschen Partei an.
Mit Anton Kupferschmid (1835-1903) als Abgeordneter im 27. und  28. Landtag von 1876 bis 1882 war ein Spaichinger drin, der als
Buchhändler, Redakteur („Heuberger Bote"), Stadtschultheiß (1874
-1897), Bankchef und als Vorsitzender des Gewerbevereins sich bleibende Verdienste um die Stadt erworben hat. Sein Konterfei schmückt sogar den Festsaal des Gewerbemuseums. Anton Kupferschmid war Vertreter der Volkspartei.

Bahnhof Spaichingen an der Gäubahn. Von  hier zweigte die Heubergbahn ab bis Reichenbach. Vor allem die Abgeordneten Schumacher und Neßler hatten sich für ihren Bau eingesetzt. 1928 war sie fertig, 1966 wurde sie eingestellt.
Der Spaichinger Kaufmann Josef Schumacher (1855 - 1908) war Mitglied des 33. bis 36. Landtags von 1895 bis 1906. Auch er gehörte der Volkspartei an. Wie sein Nachfolger als Abgeordneter für den Bezirk Spaichingen, Neßler, engagierte sich Schumacher stark für den Bau der Heubergbahn. Das von ihm geleitete Textilgeschäft befand sich in dem Gebäude gegenüber dem Marktplatz, in dem Funk Däuble Produkte in Schaufenstern präsentierte. Das Haus ist jüngst abgerissen worden.
Erster Zentrumsmann
Mit Franz Xaver Neßler (1863-1953), dem Schultheiß und Verwal­tungsaktuar aus Wehingen, eroberte erstmals ein Mann des Zentrums den Wahlkreis. 1906 bis 1918 war er Abgeordneter. Neßler ist als ein großer Fürsprecher der Heubergbahn noch heute bekannt. Nach einer eindrucksvollen Rede von ihm beschloss der Landtag mit großer Mehrheit im Mai 1911 den Bau der Bahn. Die Dominanz des Zentrums und danach der CDU hält in der Region an, wenngleich mit dem Spaichinger Leo Grimm erstmals seit 2011 ein Liberaler aus der Stadt in den Landtag gelangte.