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Zeitung allein zu Hause

"Viel Schrott und wenig Qualität"

(tutut) - Das Land steht Kopf. Um es wieder auf die Füße zu stellen, muss das Volk erst erfahren, was Sache ist. Wer bringt es zurück aus Pippi Langstrumps Welt, wo Kasperle Zeitung macht? Die Papierzeitung ist tot. Wie andere Geschäfte auch haben Verlage die Entwicklung des Online-Handels verschlafen. Dabei müssten gerade sie wissen, dass Nachrichten die am schnellsten verderbende Ware sind. Sie haben nicht einmal ein Haltbarkeitsdatum.

Verschlafen ist das eine, aber dann noch wütend auf den Wecker zu schlagen, das andere. Wenn der Chefredakteur einer der größten Zeitungen in Baden-Württemberg über den Stein wütet, an dem er sich den Fuß gestoßen hat, dann verrät dies viel über eine Branche, die sich Journalismus nennt und größtenteils noch immer nicht bereit ist, aus ihrer Parallelwelt aufzutauchen in die Realität. Auf einer ganzen Zeitungsseite breitete dieser Chefredaktör, er steht für viele einer aussterbenden Art, den Offenbarungseid eines Geschäfts ohne Idee aus. Sozialarbeit im höchsten Auftrag, Propaganda einer Regierung und ihrer Höfe und Hofnarren, statt Information.

"'Journalismus muss immer Verteidiger der offenen Gesellschaft und der Demokratie sein' - Der klassische und unabhängige Journalismus steht unter Druck. Vor allem in den sozialen Netzwerken werden gegen Qualitätsmedien schnell Vorwürfe in Richtung Kampagne oder Propaganda laut. Kollidiert die eigene Meinung mit der Berichterstattung, dann sind bei den Empörten oft finstere Mächte am Werk oder die Zeitung - gleich ob gedruckt oder digital angeboten - lügt in ihren Augen ganz einfach. Ähnlichen Vorwürfen müssen sich auch die Kollegen von Fernsehen und Radio stellen, vor allem jene der öffentlich-rechtlichen Sender. Es gilt für uns Journalisten dagegen anzukämpfen. Wir müssen unsere Arbeit mehr erklären...."

Dieser Chef seiner Redaktöre*innen kann von sich nicht behaupten: Ich habe verstanden. Nichts hat er verstanden, der Gute in einer Welt der Bösen. Nicht einmal, dass er selbst zur Welt der Bösen gehört, die sich des Internets bedienen, dem es scheißegal ist, wer es als Transportweg seiner Zeitung nutzt. Auch Monopolzeitungen haben kein Monopol mehr. Das Internet ist die Straße der Demokratie schlechthin und nicht irgendein Tag- oder Nachtwächter. Demokratie bedeudet Meinungsverschiedenheit und Dialog. wer sich die Deutungshoheit über Stammtischen anmaßt, muss sich fragen, warum immer weniger von ihm was wissen wollen.

Wie der Herr, so das Gescherr. Der Zufall will's, dass eine Untergebene des Chefrdaktörs als kleine Lokalredaktörin, gerne nennt sie sich "Redaktionsleitung" als wäre dies ein Rettungsring vor was auch immer, Berufsschülern in ähnlicher Anwandlung wie ihr Vorgesetzter von ihrer wichtig-wichtigen Wichtigkeit was vorzumachen versucht und dann noch unter eigenem Autoennamen einen Artikel über sich selbst verfasst: "Mit Journalismus die Welt erklären - Professioneller Journalismus ist wichtig in einer Demokratie: Das lernten die Berufsschüler bei einem Vortrag von Redaktionsleiterin.." Der Name tut im wahrsten Wortsinn nichts zur Sache. Diese Sozialarbeiterin am Leser, welche aus ihrer schlagseitigen und schlagzeiligen Neigung zum linksgrünem Milieu wie die meisten Redaktionen mit Tunnelblick kein ideologisches Versteckspiel macht, offenbart das ganze Dilemma dieses Landes. Wie soll es da wieder auf die Beine kommen?

Was der Chef nicht gelernt hat, wird die Unterchefin nimmermehr lernen. Und so schlägt die Stunde des Bluffs. "Mitreden beim Thema: Journalismus" heißt ein Titel der englischen Reihe "Alles Bluff". Der erste Satz des Vorworts sagt gleich alles über einen Berufsstand, dessen Ignoranz und Arroganz im umgekehrten Verhältnis zur heutigen Bedeutung stehen, welche oft nach Hochstapelei riecht. "Der Journalismus ist für passionierte Bluffer geradezu ein ideales Betätigungsfeld, an das nur noch Politik, Recht und Werbung heranreichen. Und die meisten von ihnen merken nicht einmal, dass sie bluffen". Dies lässt sich dem Chef und seiner Redaktionsleitung sicher auch zubilligen. "Alljährlich wird die journalistische Welt von Möchtegern-Anwärtern - hier muss angehängt werden: und Anwärterinnen! - überschwemmt, die zum großen Teil einen Kompetenzgrad beseitzen, der sich zwischen völliger Unwissenheit und Menschenunwürdigkeit bewegt. Doch diese Leute lassen sich nicht beirren".

Die obergrenzenlose Bedeutunglosigkeit wichtigtuender Presseleute hat ein langjähriger Betriebsratsvorsitzender eines der größten Medienkonzerne herausgestrichen: "Ich muss den schreibenden KollegInnen immer wieder sagen, dass sie heute in erster Linie einmal abhängig Beschäftigte sind wie jede andere Berufsgruppe auch. Dass sie keinen Sonderstatus haben. Manche meinen, sie seien von immenser Bedeutung, sowohl für das Unternehmen wie für diese Republik. Dies einmal etwas selbstkritischer und nüchterner zu betrachten, wäre schon sehr hilfreich. Bitte sich nichts vormachen. Es ist ja schön zu glauben, man sei bedeutsam und mache etwas Bedeutsames. Aber das ist Quatsch. Die Wahrheit ist: jeder ist austauschbar".

Dass selbst die Sprache als einst wichtigstes (Schreib)werkzeug der Journalisten vernachlässigbar geworden ist, zeigt den tiefen Fall eines Berufsstandes auf die hintersten Ansehensränge. Wolf Schneider und Paul-Josef Raue haben in ihrem unübertroffenen "Handbuch des Journalismus" aus dem Jahre 1996 erklärt, was der Zeiungsleser will. Kriegt er es? "Viel Schrott und wenig Qualität" wird Dieter Golombek über den Lokaljournalismus zitiert. "Zu wenig Recherche, zu viel Hofberichterstattung, zu wenig Phantasie, zu viel Routine". Damals sah Golombek, der Erfinder des Lokaljournalistenprogramms, bessere Zeitungen am Horizont nahen. Es hat sich als Fata Morgana entpuppt. Alles ist noch viel schlimmer geworden. "Der Lokalteil ist das Herzstück der Zeitung, von ihr lebt sie...Der Lokalteil entschiedet darüber, wie sich die Leser mit ihrer Zeitung zu Hause fühlen".  Was ist daraus geworden? Zeitung allein zu Hause.

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