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Zu schön, um wahr zu sein

Bischof Johann von Straßburg ist kein Dürbheimer

(tutut). Anerkannte Historiker haben längst bewiesen, dass der "große Sohn Dürbheims" oder der "berühmteste Sohn Dürbheims " (website) kein Dürbheimer, sondern wohl ein Züricher ist. Wie zum Trotz halten aber ein paar Dürbheimer an ihrer Legende fest, die einst Dekan Sommer und mit ihm im Schlepptau das Bischöfliche Ordinariat in Rottenburg feierlich in die dörfliche Welt haben setzen lassen. Nur - die Dürbheimer Geschichte ist in diesem Fall zu schön, um wahr zu sein.
Da ruht er nun als Straßenname und auf Ehrentafel und immer noch als anonymer Artikel ohne jegliche Quellenhinweise auf der offiziellen website der Gemeinde Dürbheim. Dass die Legende vom Ursprung Bischof Johanns vom Grabstein aus der ehemaligen Jesuitenkirche in Molsheim im Elsass nach Dürbheim überführt worden ist, dafür können die Dürbheimer wohl am wenigsten. Auch in Molsheim hat sich bis heute kein Finger gerührt, um sich der echten Geschichte eines der berühmtesten Bischöfe von Straßburg zu stellen. Witzig ist seine dortige Bezeichnung als "Jean I.", dieser Bischof war aber kein Franzose, und Straßburg war seinerzeit auch nicht französisch, sondern deutsch. Umso mehr hat man sich mit der Person Johanns dort beschäftigt, wo er vorher Bischof war, in Eichstätt/Bayern, und natürlich in Zürich, der Beweislage nach dem echten Herkunftsort dieses als unehelich Geborenen.

Ihm eine Straße in Dürbheim zu widmen? Warum nicht! Er war in der deutschen Geschichte nicht irgendwer, sondern neben Bischof auch Kanzler deutscher Könige. Da die Geschichte dieses Mannes, dessen Geburtstag unbekannt ist, dessen Geburts- und Wirkungsort allen nun greifbaren Quellen nach Zürich ist, bereits im Internet und im Lokalblatt aufgezeichnet worden ist, muss sie hier nicht wiederholt werden. Seine Dürbheimer Anhänger, wissenschaftliche Forschung ignorierend, haben allerdings bis heute ihre Behauptungen vome iner Herkunft aus Dürbheim nicht beweisen können. Deshalb wäre es redlich, wenn es um Geschichte geht, daraus keine Glaubenssache zu machen.
Die Quelle, auf die sich der Dürbheimer Herkunftshinweis alleine stützt, was sehr unwissenschaftlich ist, wenn andere Quellen, zumal aktuellere, gleichzeitig ignoriert werden, ist eine Doktorarbeit eines Trierer Lehrers namens Nikolaus Rosenkränzer aus dem Jahr 1881 19. Jahrhundert. Der hat den philosphischen Doktorgrad der "Kaiser-Wilhelm-Universität Strassburg" dafür bekommen, dass er allerlei Material über diesen Bischof gesammelt und unter dem Titel "Bischof Johann I. von Strassburg genannt von Dürbheim" veröffentlicht hat.

Rosenkränzer macht es sich allerdings einfach, indem er nicht selbst forscht, sondern den bisherigen Abschreibern selbst Abgeschriebenes hinzufügt, was er wörtlich selbst "Sammlung des Materials" nennt. Richtigerweise beginnt er seine Arbeit mit folgendem Satz: "Die zeitgenössischen Mitteilungen über die Herkunft unseres Bischofs sind sehr dürftig und dazu teilweise widersprechend". Zwei dieser "Mitteilungen" beziehen sich auch auf Zürich, wobei einer der von Rosenränzer zitierten Historiker mal Dürbheim und mal Zürich nennt. Angesichts solcher Faktenlage hätten man sowohl in Dürbheim als auch in Rottenburg stutzig werden und weiter forschen müssen, denn es handelt sich nicht um eine Glaubenssache.
Rosenkränzer wird sehr deutlich im Undeutlichen, wenn er schreibt: "Die erst bei späteren Geschichtsschreibern auftretende Behauptung, Johann sei ein Edler von Dürbheim gewesen, wird nicht nur durch keine zeitgenössische Nachricht unterstützt, sondern lässt sich auch geradezu als unrichtig erweisen".  Dass für Rosenkränzer die Herkunft eher Spekulation ist, deutet er mit seiner Vermutung des Geburtsjahres zwischen 1260 und 1270 an.
Für einen geschichtlich nur ein wenig beschlagenen Leser fällt in der Dürbheimer Dokumentation der Hinweis auf seinen Tod besonders auf. Haslach im Kinzigtal zu nennen, macht sofort stutzig, zumindest einen, der die dortige Geschichte kennt. Gestorben am 6.November 1328 "wahrscheinlich in Haslach" schreibt Rosenkränzer. Daraus überzeugt "Haslach im Kinzigtal" zu machen, ist, gelinde gesagt, schlampig und muss alles Zusammengetragene in Frage stellen. Es gibt Dutzende Orte, die Haslach heißen, auch im Raum Straßburg. Gestorben ist er höchst wahrscheinlich in Niederhaslach, wo sich heute noch beachtliche Bauten eines einstigen großen Klosters befinden.
Die von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften herausgegebene Neue Deutsche Biographie (NDB) "informiert in knappen, wissenschaftlich fundierten Lexikonartikeln über verstorbene Persönlichkeiten, die durch ihre Leistungen politische, ökonomische, soziale, wissenschaftliche, technische oder künstlerische Entwicklungen wesentlich beeinflusst haben. Für den deutschen Sprach- und Kulturraum gilt die NDB mit ihren von Experten namentlich gezeichneten Originalbeiträgen seit Jahrzehnten als das maßgebliche biographische Lexikon". Dieses Lexikon widmet auch Bischof Johann I. einen Artikel.
Darin heißt es:
Johann I.
Bischof von Straßburg (seit 1306), * zwischen 1260/70, † 6.11.1328 wahrscheinlich Niederhaslach (Unterelsaß), ⚰ Molsheim, Hospitalkapelle.
Leben
Die zeitgenössischen Mitteilungen über J.s Herkunft sind sehr dürftig und teilweise widersprechend. Den neuesten Forschungen zufolge dürfte er ein Sohn sein des Johann von Wildegg, Propst zu Zürich, königl. Kaplan und Gesandter, Konstanzer Domherr und Pfarrektor zu Würenlos im Aargau. So würde sich auch seine auffällige Laufbahn aus der Fürsorge des von den Habsburgern begünstigten Vaters für seinen unehelichen Sprößling mühelos erklären. Die erste Nachricht über J.s öffentliche Stellung als Protonotar des Kg. Albrecht I. stammt aus dem Jahr 1298. Der Gunst dieses Königs, dessen Hofkanzler er ab 1303 war, hatte er seine Ämterlaufbahn zu verdanken. – Anfang 1301 finden wir J. in Zürich als Propst des Chorherrenstifts St. Felix und Regula. Im Sommer 1305 wurde er zum Bischof von Eichstätt gewählt, und zu Beginn des Jahres 1306 kam er durch päpstl. Provision und königl. Gunst auf den Bischofsstuhl von Straßburg.

Seine hohe staatsmännische Begabung sicherte ihm eine hervorragende Stellung unter den deutschen Reichsfürsten. Überall sieht man ihn die Interessen des habsburg. Hauses erfolgreich vertreten. Nach dem Tod Kaiser Heinrich VII. und der darauf erfolgten Doppelwahl trat J. für Friedrich den Schönen ein und zog fast alle elsässischen Städte, mit Ausnahme Straßburgs, auf die habsburg. Seite. – Der Stadt Straßburg gegenüber, die wiederholt andere politische Bahnen einschlug, wußte er geschickt seine persönlichen Rechte zu behaupten. Mehrmals wurde er von derselben als Schiedsrichter angesprochen zwecks Beilegung von Streitigkeiten und Befehdungen. Trotz seiner umfassenden politischen Tätigkeit hat J. keineswegs seine bischöfl. Pflichten vernachlässigt. Er hielt mehrere Synoden ab und stellte durch energische Maßregeln die gelockerte Disziplin unter seiner Geistlichkeit wieder her, so daß der Chronist Königshofen schreiben konnte: „unter diesem Bischof waren die Verhältnisse des Bistums die günstigsten in denen es sich je befunden hat.“ – In J. tritt uns eine jener typischen Gestalten mittelalterlicher Kirchenfürsten entgegen, welche die Pflicht des Bischofs und Staatsmannes zu einem harmonischen Ganzen zu vereinigen wußten.
Autor
Fuchs, Joseph, „Johann I.“, in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 537 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd136302270.html