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Ohne politische Selbstachtung

Warum „Foreign Affairs“ Deutschland erklärt, ohne es beim Namen zu nennen

Von ELENA FRITZ

Ein vielzitierter Beitrag im US-Journal „Foreign Affairs“ von Mittwoch, der behauptet, nur die USA verfügten über eine „echte“ Einflusssphäre, wirkt auf den ersten Blick wie eine nüchterne geopolitische Analyse. Tatsächlich handelt es sich um etwas anderes: um eine begriffliche Vorentscheidung, aus der anschließend politische Folgerungen gezogen werden, die dann als „alternativlos“ erscheinen.

Der Autor Michael Beckley beginnt nicht mit der Frage, wer faktisch Einfluss ausübt, sondern mit einer Neudefinition des Begriffs „Einflusssphäre“. Diese gilt nur dann als real, wenn drei Maximalbedingungen erfüllt sind: militärische Überordnung der Nachbarn, Ausschluss externer Großmächte und Kontrolle ohne dauerhaften Gewalteinsatz. Das ist kein realistischer Maßstab, sondern ein Idealzustand – eine Art konfliktfreier Imperiumstraum. Alles, was umkämpft, instabil oder multipolar ist, fällt damit automatisch aus dem Begriff heraus.

„Verbündete“ als funktionale Bestandteile eines US-Ordnungsmodells
Das Ergebnis ist vorhersehbar. Überall dort, wo Russland oder China Einfluss ausüben, mischen die USA mit – also gelten diese Räume per Definition nicht als Einflusssphären. Der westliche Hemisphärenraum hingegen zählt, weil dort keine gleichrangige Gegenmacht militärisch präsent ist. Widerstand einzelner Staaten spielt keine Rolle. Entscheidend ist allein, dass niemand auf Augenhöhe konkurriert. So bleibt am Ende genau eine „echte“ Einflusssphäre übrig: die amerikanische. Nicht, weil die Realität sie hergibt, sondern weil der Begriff entsprechend zugeschnitten wurde.

Interessant wird es bei den politischen Konsequenzen dieser Denkfigur. „Verbündete“ erscheinen hier nicht als souveräne Partner, sondern als funktionale Bestandteile eines amerikanischen Ordnungsmodells. Dominanz soll in Koalitionen überführt werden – nicht aus Rücksicht, sondern aus Kostengründen. Marktzugang, Technologie und Sicherheit werden an Loyalität gekoppelt. Abweichung gilt nicht als legitimer Dissens, sondern als Störfaktor.

Deutsche Interessen werden hintangestellt
Für Deutschland ist das aufschlussreich. Es erklärt, warum deutsche Interessen – bei Energie, Industrie, Handel oder Sanktionen – regelmäßig hintangestellt werden. Nicht aus Unachtsamkeit, sondern aus Logik: Wer Teil einer Einflusssphäre ist, optimiert nicht für sich selbst, sondern für das Zentrum. Auch die sogenannte „Zeitenwende“ erscheint in diesem Licht weniger als Ausdruck europäischer Selbstbehauptung denn als militärische und fiskalische Einpassung in ein fremdes Ordnungskonzept.

Der Foreign Affairs-Text ist daher weniger eine Analyse über Amerika als eine unfreiwillige Diagnose deutscher Abhängigkeit. Er zeigt, was passiert, wenn ein Land aufhört, eigene strategische Interessen zu formulieren. Strategische Autonomie ist in diesem Kontext keine ideologische Marotte, sondern die Voraussetzung politischer Selbstachtung.
(pi-news.net)

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