
Heilige Drei Könige aus Bayerisch-Schwaben
Von MEINRAD MÜLLER
In der Wohnküche des Küsters, bei uns hieß er Messner, saßen wir Ministranten, sechs bis 14-jährig, und lernten. Das Sprüchlein, das wir vor 120 Häusern aufsagen mussten, musste sitzen. Wir wurden zu Caspar, Melchior und Balthasar umgeschult. Wobei der Caspar schwarze Schuhcreme ins Gesicht bekam, weil er ja historisch aus Afrika stammen sollte. So steht’s geschrieben. Die drei Weisen aus dem Morgenland wollten dem neugeborenen König huldigen. Auch wir mussten mutig sein auf unserer langen Reise durch das 700-Seelen-Dorf am Flüsschen Roth, das der Donau zustrebte.
Wir bekamen Umhänge in allen Farben, rot, blau, gelb, grün, ohne dass dabei jemand an Politik dachte. Und pünktlich am 6. Januar, der bei uns Feiertag war und auch noch ist, marschierte die Gruppe nach der Messe die Straße entlang. Kein Haus wurde ausgelassen. Selbst wenn es einen Kilometer außerhalb des Ortes lag, stapften wir durch den Schnee. Wir Jüngeren wurden begleitet von einer volljährigen Person, das hieß damals 21 Jahre alt, die früher auch schon Ministrant gewesen war und diese Schwerstarbeit im Vertrieb bereits kannte.
Wir stellten uns vor den Haustüren auf. Jemand klopfte, und die Familie samt Kinderschar und Vorgängergeneration stand uns vis-à-vis. Alle drei Heiligen Drei Könige stimmten unser Sprüchlein an:
Wir kommen aus dem Morgenland,
wir kommen geführt von Gottes Hand.
Wir wünschen euch ein fröhliches Jahr,
Gott segne euch jetzt immerdar.
Caspar, Melchior und Balthasar,
die stehen hier ganz offenbar.
Sie bringen euch Gottes Segen ins Haus,
Christus segne alle die gehen ein und aus.
(Oder so ähnlich, in sechs Jahrzehnten vergaß ich viel)
Und wer das Weihrauchfass schwenken durfte, der schwenkte es mit großer Wucht, sodass der Weihrauchduft in das Haus hinein strömte. Einer von uns hatte die Kasse, eine alte Zigarrenkiste. Und hier legten die Leute einen Schein oder nur eine Münze hinein. Wir haben keine Bonbons gesammelt wie an Halloween. Der Erlös dieser Sammelaktion sollte einem guten Zweck zugutekommen, zum Beispiel für die armen Kinder in Afrika.
Wer klopfet, dem wird aufgetan. Und auch Jahrzehnte später, als meine Familie von der Ministranten-Morgenland-Gruppe besucht wurde, rührte es mich innerlich sehr an. Der Größere, jener praktisch schon Erwachsene von uns, der 21-Jährige, schrieb mit Kreide an die Haustür, oben an den Türbalken, 19 * C † M † B * 64. Das sollte Segen bringen, allen, die da ein- und ausgingen. Es ist das ganze Jahr am Türbalken zu lesen und wurde erst im nächsten Jahr abgewischt und wieder neu beschriftet. Dieses Kürzel heißt nicht etwa Christliches Morgenland Bayernland, sondern Christus mansionem benedicat, Christus segne dieses Haus.
Traditionen haben einen großen Wert. Sie vermitteln Beständigkeit und heben auch einen normalen Sonntag aus der Reihe der anderen Sonntage hervor.
Die Liebe zu den Personen aus dem Morgenland hat heutzutage allerdings überhandgenommen. Sie bringen heute nicht mehr Gold, Weihrauch und Myrrhe, sondern holen es ab.
(pi-news.net)
