Müssen die Kirchen wieder hungrig werden?
Von PROF. EBERHARD HAMER
Zurzeit erleben die beiden christlichen Kirchen eine Massenaustrittswelle. Sie begründen dies mit der Kirchensteuer. Die Begründung ist aber oberflächlich. Die Kirchensteuer ist nur Austrittsanlass, nicht Austrittsgrund. Befragungen von Austrittswilligen in Hannover und Sachsen-Anhalt haben ergeben, dass mehr als 59 Prozent die Kirche nicht mehr als Glaubensgemeinschaft, sondern als Sozialeinrichtung sehen,
dass 49 Prozent sich über die politischen Botschaften der Kirchenfunktionäre ärgern
und dass für mehr als 83 Prozent von ihnen die Kirche keine moralische Autorität mehr darstellt.
Während die beiden großen christlichen Kirchen des Abendlandes im Verfall stehen, erleben Islam, Judentum und Sekten hohen Zulauf und entsprechenden Bedeutungszuwachs. Die Massenflucht aus den christlichen Kirchen liegt also offenbar nicht so sehr auf der Nachfrageseite als vielmehr im Angebot.
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Ein Pfarrer stellte in Sachsen-Anhalt seine Predigt unter das Thema „Wer nur den lieben Gott verwaltet“. Von den 37.000 Einwohnern der Stadt waren ganze 36 zum Gottesdienst erschienen = 0,001 Prozent. Im Osten besuchen unter drei Prozent der Kirchenmitglieder einen Gottesdienst, im Westen unter sechs Prozent. Hätte eine weltliche Organisation so wenig Interesse ihrer Mitglieder, wäre sie längst aufgelöst worden.
Kirchen sind verbeamtet und verkrustet
Über die Zugehörigkeit zu einer der beiden „Volkskirchen“ entscheidet aber nicht der Eintritt, sondern der Austritt. Solange man nicht ausgetreten ist, gilt man als Mitglied der evangelischen oder katholischen Kirche und ist man zur Zahlung von Kirchensteuer verpflichtet, auch wenn man an der Kirche nicht mehr teilnimmt. Drei Millionen Protestanten und ca. eine Million Katholiken haben in den letzten zehn Jahren ihre Kirche verlassen. Die „Nicht-Volkskirchen“ haben dagegen kräftig zugenommen, die Moslems um 33,3 Prozent, die Juden um 42,8 Prozent und die Buddhisten gar um 100 Prozent.
Mit Recht warnten deshalb Kirchenkritiker, der öffentliche Status der Kirche, die Kirchensteuer und der Beamtenapparat in den Kirchen könnten in ihrem Bestand nicht mehr gesichert werden, wenn ihre Glaubenskraft und ihre moralische Autorität weiter verfielen und darum auch die Kirchensteuer nicht mehr staatlich eingezogen und garantiert würde.
Der öffentliche Status der Kirche hat sie zwar mit dem Steuerrecht belohnt und in den letzten 50 Jahren eine nie dagewesene Geldflut in die Kirchen geschwemmt; – damit ist aber nicht der Glaube und die Missionskraft der Kirche gestärkt worden, sondern umgekehrt sind die Kirchen verbeamtet, verkrustet, von Dienstleistern zu Anspruchstellern geworden. Getreu dem Parkinson’schen Gesetz verwaltet sich der Kirchenapparat immer stärker selber und nimmt seine Außenwirkung dabei ständig ab. Selbst in der an sich demokratischen Struktur der evangelischen Kirche sind die meisten gewählten Spitzengremien längst überwiegend mit besoldeten Kirchenfunktionären besetzt, die „demokratisch“ über die Mittelverteilung zu eigenen Gunsten abstimmen.
Nicht mehr Missionare, sondern Sozialapostel
Noch nie in der Geschichte haben die Geistlichen beider Konfessionen so viel verdient wie heute. Mit ihren A13/14-Gehältern, mit Beamtenstatus, Dienstwohnung, Pensionsrecht und dem Fehlen jeglicher Leistungskontrolle gehören sie zu den „Besserverdienenden“ unserer Gesellschaft. Die Kirchen finanzieren mit mehr als 20 Milliarden Euro Steuermitteln und Vermögenseinnahmen über 1,2 Millionen kirchlicher Mitarbeiter, von denen aber nicht einmal vier Prozent ihre Aufgabe in der Verkündigung des Glaubens haben (ca. 40.000), ca. 97 Prozent dagegen in der bürokratischen Verwaltung, in „allgemeinen Diensten“, in vielfältigsten notwendigen oder überflüssigen Sozialeinrichtungen beschäftigt sind, die sonst vom Staat getan und von ihm finanziert würden. Inzwischen gibt es sogar auch als Nicht-Christ einen Anspruch auf kirchlichen Arbeitsplatz. Dies zeigt den Sinnwandel von der Glaubensgemeinschaft zur weltlichen Sozialorganisation.
Die Spitzen der Kirchen sehen sich nicht mehr als Missionare, sondern als Sozialapostel. Nun rächt sich die falsche Auswahl der kirchlichen Mitarbeiter in den 60er- und 70er-Jahren: Es war nämlich nicht plötzlicher Ausbruch von Frömmigkeit, dass die Blumenkinder der 1968er massiv in kirchliche Beamtenpositionen strebten, sondern sie wollten damit der Bundeswehr, dem „Leistungsterror der Wirtschaft“ und der Anpassung an die Normalitäten des Lebens entgehen. Die Folgen: Keine linke Demo ohne Pfarrer, Linksruck der ehemals bürgerlichen Kirchen, Amtseignung von Schwulen und Lesben, steigende Scheidungsraten in den Pfarrhäusern und gewerkschaftlicher Arbeitskampf kirchlicher Mitarbeiter gegen den „Arbeitgeber Kirche“.
Die Dominanz der kirchenbürokratischen Organisation und ihre glaubensfremden Randerscheinungen dürfen allerdings nicht den Blick dafür verstellen, dass es immer noch viele Pfarrer und Kirchengemeinden gibt, denen es ernsthaft um den Glauben, um die Verkündigung und um die Nachfolge Christi geht. Wie der Fisch stinken eben auch die Kirchen mit dem Kopf zuerst und zumeist.
Zur Zeit Luthers war die Situation ähnlich
Vor allem ist die Situation im Osten dramatisch: im Kernland des evangelischen Glaubens gibt es heute nur noch 20 Prozent Christen. Warum wird nicht die Hälfte aller kirchlichen Westfunktionäre nach Osten geschickt, um die vom Sozialismus verführten ehemaligen Christen wieder für die christliche Kirche zurückzugewinnen? Warum werden nicht die Mittel der deutschen Kirche auf die Mission der zweifelnden oder schon ausgetretenen Mitglieder konzentriert statt für glaubensfremde Zwecke? Jede private Firma sucht das persönliche Gespräch mit einem verlorenen Kunden; – wo besuchen Pfarrer ausgetretene Gemeindemitglieder und versuchen diese zurückzugewinnen? Warum kümmern sich viele Kirchengemeinden mehr um die Betreuung von Migranten, Heiden oder Moslems als um die eigenen Gemeindemitglieder, um die christliche Unterweisung von deren Kindern und um mehr Glaubwürdigkeit vor Ort?
Zur Zeit Luthers war die Situation ähnlich. Auch damals missbrauchte die Kirche ihre Finanzen, lebten die Kirchenfunktionäre zu üppig und egozentrisch wie die heutigen, und beschäftigten sie sich mehr mit ihrer Macht und ihrem Einkommen als mit der Verkündung des Glaubens.
Wir stehen wieder in einer Grenzsituation für unsere Kirchen
Wenn nicht bald eine neue Reformation an Haupt und Gliedern in den Kirchen beginnt, ist es vorbei mit dem christlichen Abendland, aber auch mit dem Feudalismus in der Kirche. Schon jetzt wachsen in Deutschland überall Moscheen, während Kirchen nicht mehr genutzt oder an fremde Religionen (z.B. Islam) abgegeben werden. Schon 2050 werden wir mehr Moslems als Christen in Deutschland haben („Visionen 2050“, Kopp Verlag), ist es dann mit dem „christlichen Abendland“ vorbei.
Schnellste Reformen lägen auch im Interesse der Kirchenfunktionäre selbst: Die vollen Kirchenkassen werden nicht bleiben, damit ihre Gehälter und Pensionen unbezahlbar, je mehr sich die Strukturveränderung der Bevölkerung zu weniger Christen und mehr Moslems auch für die Kirchen auswirkt. Wenn die Basis schwindet, endet auch die Amtskirche.
Aber vielleicht liegt gerade hierin der neue Reformansatz. Es gibt immer mehr von der Amtskirche vernachlässigte gläubige Gemeinden und Gruppierungen, die nicht wie die Amtskirche den Verlust des Glaubens durch Sozialarbeit zu kompensieren versuchen, sondern wiederum um den rechten Glauben, um die christlichen Grundwerte und um den Weg zu Gott statt zu Geld in Freikirchen ringen.
Beide christliche Kirchen brauchen einen neuen Glaubensaufbruch von echter Frömmigkeit, Missionseifer und Bescheidenheit. Die kommende Wirtschafts- und auch Kirchensteuerkrise könnte dazu helfen, die Kirchenfunktionäre wieder hungrig zu machen.
(pi-news.net)
