
Der Lahrer Dr. Philipp Jakob Siebenpfeiffer 1832 auf dem Hambacher Fest
...Auch der Völker Leben hat seine Maitage, die wiederzukehren pflegen in jedem politischen Umschwung, der mit frischer Jugendlichkeit alle Nerven und Adern uns durchzuckt: wohl den Völkern, wenn die belebende Sonne der Vaterlandsliebe die edleren Blüten befruchtet, wenn nicht der Winterfrost der Selbstsucht sie tötet, nicht der Sturm despotischer Gewalt sie vernichtet! Auch die Völker haben ihre Maitage, wo die blütenumkränzte Hoffnung erwacht, wo die patriotische Phantasie mit rosenfarbenen Gesichtern spielt. Auch die Völker haben ihren Erntemonat, und der Baum ihres Lebens umhängt sich mit köstlichen Früchten, dem Segen des Wohlstandes und dem Ruhme der Geschichte, wenn er wurzelt in der Liebe zum Vaterland, wenn er von treuen Bürgerhänden gepflegt und gehegt wird.
Für unser Deutschland war ein solcher Mai aufgegangen, mit brausender Jugendkraft stürzte das deutsche Volk in den Kampf, zu erringen die Freiheit, zu erringen ein Vaterland; aber die edelste Blüte des Sieges ward zernagt vom Wurm fürstlich-aristokratischer Selbstsucht, die heilige Saat, von edlem Bürgerblute gedüngt, ward zertreten vom eisernen Fuß der Despoten.
Nun ist er wiedergekehrt der herrliche Völker-Mai, er steht vor aller Augen, das Haupt umkränzt mit den Kränzen der Hoffnung: frisch will der Völkerbaum grünen und blühen, und mit reicher Frucht sich beladen. Aber noch stehen wir sinnend und zaudernd; noch ist ihm nicht aller Liebe geweiht, aller pflegende Sorgfalt; noch schmachten die Wurzeln auf dürrem Gestein, dürftig benetzt von den Tränen der Märtyrer, die in Verbannung leben, in Kerkern seufzen, oder dem
Vaterlande den letzten Gruß zuwinkten von dem Schaffot.
So weit von diesem erhabenen Punkte der Blick reicht, dehnt sich aus das herrliche Rheintal, jener beneidete Garten, auf den die Natur alle Fülle des Segens ausgeschüttet; aber das deutsche Vaterland liegt verödet. Gärten für Obst, für Wein, für Brotfrüchte, grünende Wiesen und Anlagen prangender Luft haben deutsche Hände geschaffen; aber brach liegt der Boden des
Vaterlandes. Sinnreich raffiniert der Erwerb, wie er den Baum, wie er den Weinstock veredle, wie er den Weizenhalm schießen und gewichtig laden mache, wie er den Wasserfluten den Raub entziehe, wie er den wildesten Berg umschaffe zu fruchtbarem Ertrag - aber die Fluren des Vaterlandes stehen verlassen, Dornen und Disteln wuchern, Uhus herrschen als Adler, Büffel spielen die Löwen, und kriechendes Gewürm, Volk genannt, schleicht und windet sich auf der
Erde, zahllos sich vervielfältigend und jenen Raubtieren zum üppigen Fraß dienend.
Geschäftig forscht und brütet der Geist der Erfindung, der Entdeckung, des Betriebs, wie er aus dem Leib der Erde die Metalle herauf hole zu Werkzeugen der Arbeit, des Gewinns und ach! unserer Bedrückung; aber das edlere Metall der Vaterlandsliebe ruht verschüttet. Der sinnende Geist errichtet Eisenbahnen und baut Dampfschiffe, das enge Comptoir zum Weltmarkt erweiternd, Land mit Land und Volk mit Volk zu gegenseitigem Wucher verknüpfend: aber der Bürger bleibt fremd dem Bürger, und engherzig verkrüppelt er am Rechentisch, im spießbürgerlichen Puppenspiel, oder am kühnen Wagestück eines Schleichhandels.
Wir widmen unser Leben der Wissenschaft und der Kunst, wir messen die Sterne, prüfen Mond und Sonne, wir stellen Gott und Mensch, Höll' und Himmel in poetischen Bildern dar, wir durchwühlen die Körper- und Geisterwelt: aber die Regungen der Vaterlandsliebe sind uns unbekannt, die Erforschung dessen, was dem Vaterlande Not tut, ist Hochverrat, selbst der leise Wunsch, nur erst wieder ein Vaterland, eine freimenschliche Heimat zu erstreben, ist Verbrechen... (Auszug seiner Rede an das Deutsche Volk auf dem Hambacher Fest)

Wo eine ganze Stadt, Homburg/Saar, Siebenpfeiffer sich widmet, auch mit einem Freiheitsbrunnen, schafft die Stadt Lahr nur eine kurze Sackgasse zur Erinnerung an den größten Sohn in seiner Geschichte.

