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Verantwortung ohne Eingeständnis

Essay über öffentliche Kommunikation, moralische Gewissheiten und Rückzug der Meinungsmacher

Von David Cohnen

In den vergangenen Jahren hat sich ein Kommunikationsmuster etabliert, das viele Menschen zutiefst irritiert. Es ist das Muster einer öffentlichen Gewissheit, die mit großer moralischer Wucht vertreten wurde – und die nun, da sich Annahmen verändern oder als unhaltbar erweisen, still und leise aufgegeben wird, ohne dass diejenigen, die sie einst mit Nachdruck verteidigten, Verantwortung übernehmen.

Dieses Muster lässt sich in vielen gesellschaftlichen Debatten beobachten: in der Energiepolitik, in der Pandemiekommunikation, in der Migrationsfrage, in der Klimadiskussion und in anderen Feldern, in denen komplexe Sachverhalte zu einfachen Wahrheiten verdichtet wurden.

Und genau hier wird die Metapher des Nikolaus und des Jungen Nils zu einem treffenden Bild für das, was heute geschieht.

  1. Die Ära der moralischen Gewissheit

Über Jahre hinweg wurden bestimmte Positionen nicht nur in den Medien, sondern auch von politischen Parteien, Verbänden, wissenschaftlichen Institutionen, Kirchen, kulturellen Einrichtungen, Sportorganisationen, Aktivisten, Unternehmen, digitalen Meinungsmachern und Teilen der Justiz vertreten – und oft als moralisch alternativlos dargestellt. Wer widersprach, wurde in vielen Fällen nicht als legitimer Diskussionspartner behandelt, sondern als Problem, das es zu korrigieren, zu marginalisieren oder moralisch einzuordnen galt.

  • als unsolidarisch
  • als unwissenschaftlich
  • als gefährlich
  • als rückständig
  • als Feind des gesellschaftlichen Fortschritts

Diese Form der Kommunikation erzeugte eine klare Rollenverteilung:

  • Diejenigen, die die Wahrheit besitzen
  • und diejenigen, die belehrt werden müssen

In dieser Struktur liegt Macht.
Und Macht wird selten freiwillig relativiert.

  1. Die Nikolaus‑Metapher – und ihre eigentliche Bedeutung

Um die Metapher zu verstehen, muss man die kleine Szene kennen, die sich jedes Jahreim Nikolausfest abspielt.

Der Nikolaus kommt zu den Kindern, öffnet sein goldenes Buch und stellt Fragen, die oft eine Mischung aus Ermahnung und Ritual sind.
In dieser Szene wendet er sich an den kleinen Nils und fragt mit ernster Stimme:

„Nils, stimmt es, dass du deine große Schwester immer schlägst?“

Normalerweise würde ein Kind erschrecken, sich rechtfertigen oder die Schuld von sich weisen.
Doch Nils reagiert anders.

Er antwortet ruhig und ohne Zögern:

„Ja, Nikolaus, das stimmt.“

Damit entzieht er der moralischen Drohung jede Kraft.

Der Nikolaus verliert seine Autorität in diesem Moment, weil Nils das Spiel nicht mitspielt.

Doch in dieser Metapher ist Nils nicht das unschuldige Kind, das sich gegen eine unfaire Frage wehrt.

Nils steht vielmehr für jene Stimmen im Journalismus und in der öffentlichen Debatte, die selbst jahrelang auf andere „eingeschlagen“ haben – nicht körperlich, sondern kommunikativ:

  • Andersdenkende moralisch abgewertet,
  • Kritik als illegitim dargestellt,
  • eigene Positionen als alternativlos präsentiert,
  • die Deutungshoheit beansprucht.

Die „große Schwester“ steht in dieser Lesart für die Bürgerinnen und Bürger, die diese Behandlung ertragen mussten – oft ohne Möglichkeit, sich zu wehren oder gehört zu werden.

Wenn nun der „Nikolaus“ – also die Realität, neue Daten oder die Öffentlichkeit – Nils zur Rede stellt, geschieht etwas Bemerkenswertes:

„Ja, das stimmt.“

Doch dieser Satz ist kein Schuldeingeständnis.
Er ist eine Distanzierung, ein rhetorischer Befreiungsschlag.
Er bedeutet:

  • „Ja, das war so – aber das hat nichts mehr mit mir zu tun.“
  • „Ich war Teil des Systems, aber jetzt bin ich neutral.“
  • „Ich habe mich weiterentwickelt.“
  • „Ich bin nicht verantwortlich für das, was damals geschah.“

Es ist ein eleganter, aber problematischer Trick, der Verantwortung vermeidet.
Nils anerkennt die Tatsache – aber nicht die Folgen.
Er bestätigt das Verhalten – aber nicht die Verantwortung.
Er räumt ein – aber er übernimmt nicht.

Damit wird die Nikolaus‑Szene zu einem Bild für einen stillen, folgenlosen Rückzug, wie er heute in vielen öffentlichen Debatten zu beobachten ist.

  1. Der geordnete Rückzug

Was folgt, ist ein stiller, geordneter Rückzug, der in mehreren Schritten abläuft:

  1. Die früheren Gewissheiten werden leiser.
  2. Unsicherheiten, die früher bestritten wurden, werden plötzlich betont.
  3. Positionen werden relativiert – ohne Erklärung.
  4. Neue Narrative ersetzen die alten.
  5. Die eigene Rolle wird verschwiegen oder umgedeutet.

Dieser Rückzug geschieht nicht aus Einsicht, sondern aus Selbstschutz.

Denn ein offenes Eingeständnis wie:

„Wir haben übertrieben. Wir haben Fehler gemacht. Wir haben Menschen Unrecht getan.“

… würde Glaubwürdigkeit kosten.

Und Glaubwürdigkeit ist die Währung des Journalismus.

  1. Die vergessenen Biografien

Während die Akteure sich zurückziehen, bleiben die Folgen bestehen.
Viele Menschen, die in den vergangenen Jahren:

  • kritische Fragen gestellt haben
  • alternative Daten präsentiert haben
  • auf Unsicherheiten hingewiesen haben

wurden:

  • öffentlich diffamiert
  • beruflich geschädigt
  • sozial ausgegrenzt
  • moralisch diskreditiert

Diese Biografien bleiben beschädigt – auch wenn sich die öffentliche Meinung inzwischen verschoben hat.

Und genau das ist der Punkt, an dem die Metapher ihre volle Kraft entfaltet:

Nils sagt „Ja, das stimmt“, aber er sagt es ohne Verantwortung, ohne Reue, ohne Konsequenzen.

  1. Der Vertrauensbruch

Das zentrale Problem ist nicht, dass Positionen sich ändern.
Das ist normal, das ist Wissenschaft, das ist Leben.

Das Problem ist:

  • wie absolut diese Positionen vertreten wurden
  • wie Andersdenkende behandelt wurden
  • wie wenig Verantwortung übernommen wird
  • wie still die Kurskorrekturen erfolgen

Das ist kein Meinungsstreit.
Es ist ein Vertrauensbruch.

Und Vertrauen ist schwer wiederherzustellen, wenn diejenigen, die es verspielt haben, nicht bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

  1. Was bleibt?

Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen nicht mehr bereit sind, moralische Drohungen oder absolute Wahrheitsansprüche einfach zu akzeptieren.

Sie haben gelernt:

  •  dass absolute Gewissheiten oft politisch motiviert sind
  •  dass Zweifel nicht gefährlich, sondern notwendig sind
  •  dass Autorität nicht automatisch Recht bedeutet
  •  dass moralische Überhöhung ein Machtinstrument sein kann

Und sie erwarten etwas, das in den letzten Jahren selten geworden ist:

  •  Ehrlichkeit
  •  Transparenz
  •  Fehlerkultur
  •  Respekt vor abweichenden Meinungen

Ohne diese Elemente wird jede öffentliche Kommunikation – ob journalistisch, politisch oder wissenschaftlich – ihre Glaubwürdigkeit verlieren

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