Eine Analyse der Abkehr von Steinkohle und der Fortführung der Braunkohle
Von David Cohnen
Mein Anliegen ist es ausdrücklich nicht, bereits vielfach diskutierte Positionen zu wiederholen oder abschließend zu bewerten. Vielmehr möchte ich eine alternative Perspektive aufzeigen und einen Denkanstoß geben, der dazu anregen soll, die damaligen Entscheidungen sowie deren langfristige Folgen aus einem erweiterten Blickwinkel zu betrachten.
Der Text versteht sich daher als Beitrag zur Diskussion und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll zur weiteren Auseinandersetzung mit den dargestellten damaligen wie heutigen Fragestellungen anregen.
- Einleitung
In den 1960er-Jahren verfügte die Bundesrepublik Deutschland über eine der energieautarksten Volkswirtschaften der industrialisierten Welt. Über 80-85 % des gesamten Primärenergieverbrauchs wurden durch heimische Kohle gedeckt, bestehend aus:
Steinkohle (ca. 70 %)
Braunkohle (ca. 10-15 %)
Diese Struktur war das Ergebnis einer über ein Jahrhundert gewachsenen Energie- und Industriepolitik, die auf inländische Ressourcen, regionale Wertschöpfung und technologische Entwicklung setzte.
Die politische Entscheidung ab Mitte der 1960er-Jahre, die deutsche Steinkohle zurückzufahren und stattdessen Ölimporte massiv auszubauen, stellt einen der tiefgreifendsten Strukturbrüche der deutschen Wirtschaftsgeschichte dar.
Während die Steinkohle systematisch abgebaut wurde, blieb die Braunkohle als Energieträger erhalten und wurde technologisch weiterentwickelt.
Diese asymmetrische Entwicklung wirft grundlegende Fragen auf:
War die Abkehr von der Steinkohle ökonomisch notwendig?
Welche Rolle spielte die Braunkohle als stabilisierender Faktor?
Und welche langfristigen Folgen hatte die Entscheidung für die deutsche Gesellschaft und Energiepolitik?
- Energieautarkie in den 1960er-Jahren: Die Rolle von Steinkohle und Braunkohle
2.1 Energieanteile
Die Energiebilanz der Bundesrepublik um 1960 zeigt:
| Energieträger | Anteil am Primärenergieverbrauch |
| Steinkohle (deutsch) | ca. 70 % |
| Braunkohle | ca. 10-15 % |
| Öl | ca. 20 % |
| Gas | < 5 % |
| Kernenergie | 0 % |
Damit war Deutschland zu über 80 % energieautark - ein Wert, der im internationalen Vergleich außergewöhnlich hoch war.
2.2 Bedeutung der Braunkohle
Die Braunkohle war ein zentraler Bestandteil dieser Autarkie:
extrem niedrige Förderkosten
Tagebau statt Tiefbau
regionale Konzentration (NRW, Sachsen, Brandenburg)
direkte Verstromung ohne lange Transportwege
politisch stabile Verfügbarkeit
Sie wurde - anders als die Steinkohle - nie abgeschafft, sondern bis heute genutzt.
- Kostenstrukturen: Steinkohle und Braunkohle im Vergleich
3.1 Steinkohle (deutsch)
Die realen Förderkosten deutscher Steinkohle lagen in den frühen 1960er-Jahren bei:
ca. 6 ct/kWh
(inklusive aller realen Produktionskosten und staatlicher Stützungsmaßnahmen)
Dieser Wert ist der konsistente, belastbare Arbeitswert, der in unserer Analyse verwendet wird.
3.2 Braunkohle
Die Braunkohle war der mit Abstand billigste Energieträger:
Förderkosten: 3-5 DM pro Tonne
Subventionen: 0,5-1 DM pro Tonne
Heizwert: ca. 2.000 kWh pro Tonne
Reale Kosten:
⭐ 0,1-0,15 Cent pro kWh
(inkl. aller Subventionen, ohne Ewigkeitskosten)
Damit war Braunkohle 30- bis 50-mal billiger als deutsche Steinkohle und 20- bis 40-mal billiger als Öl.
- Technologische Entwicklungspotenziale
4.1 Kohlekraftwerke
Die Wirkungsgrade stiegen kontinuierlich:
1950: 25-30 %
1965: 35-38 %
1980: 40-42 %
2020: 45-47 % (z. B. Datteln 4)
Moderne Kraftwerke wie Datteln 4 zeigen, dass Kohleverstromung heute:
hocheffizient,
emissionsarm,
technologisch ausgereift
sein kann.
4.2 Bergbau
Die Produktivität im Steinkohlebergbau stieg 1950-1970 um 60 %.
Mit Automatisierung, Robotik und digitaler Steuerung wäre der deutsche Bergbau heute:
hochautomatisiert
kosteneffizient
sicher
konkurrenzfähig
Die Annahme, deutsche Steinkohle sei „unrettbar teuer“, war technologisch nicht zwingend.
- Die politische Entscheidung für Öl: Ein riskanter Kurswechsel
5.1 Motive
Ab 1963 leitete die Bundesregierung eine „Anpassungspolitik“ ein:
Steinkohle zurückfahren
Ölimporte massiv ausbauen
Begründung:
Öl sei billiger
Öl sei moderner
Diese Argumentation war kurzfristig, oberflächlich und risikoblind.
5.2 Preisvolatilität des Öls
Die Ölkrisen 1973 und 1979:
Preissteigerungen von 300-400 %
Rezessionen
Massenarbeitslosigkeit
Milliardenverluste
Die volkswirtschaftlichen Schäden überstiegen die Einsparungen durch billiges Öl um ein Vielfaches.
5.3 Importabhängigkeit
Mit dem Öl wurde Deutschland abhängig von:
OPEC
instabilen Regionen
geopolitischen Konflikten
Diese Risiken existierten bei Kohle nicht.
- Gesellschaftliche Folgen der Abkehr von der Steinkohle
6.1 Arbeitsplatzverluste
1957: 607.000 Bergleute
1990: 80.000
2018: 0
6.2 Strukturbruch im Ruhrgebiet
Verlust der industriellen Basis
Abwanderung
kommunale Verschuldung
Verfall ganzer Stadtteile
Identitätsverlust
6.3 Wohlstandsverlust
Das Ruhrgebiet war in den 1950ern eine der reichsten Regionen Europas.
Heute gehört es zu den strukturschwächsten.
- Die verpasste Chance: Energieunabhängigkeit durch Kohle
Hätte Deutschland:
Steinkohle modernisiert
Braunkohle weiterentwickelt
Kohleveredelung (Fischer-Tropsch) ausgebaut
moderne Kraftwerke gebaut
dann wäre Deutschland heute:
energieautark
preisstabil
geopolitisch unabhängig
wirtschaftlich stärker
sozial stabiler
Die Braunkohle zeigt, dass Kohle nicht abgeschafft werden musste - sie wurde nur selektiv abgeschafft.
- Schlussfolgerung
Die Abkehr von der deutschen Steinkohle kann im historischen Kontext als:
- ökonomisch möglicherweise kurzsichtig,
- technologisch teilweise voreilig,
- gesellschaftlich mit erheblichen Folgen verbunden,
- sowie energiepolitisch mit Risiken behaftet
bewertet werden.
Vor diesem Hintergrund lässt sich argumentieren, dass die fortgesetzte Nutzung der Braunkohle darauf hindeutet, dass Deutschland grundsätzlich in der Lage gewesen wäre, eine stabile und vergleichsweise kostengünstige Energieversorgung auf Basis heimischer Ressourcen aufrechtzuerhalten.
Hätte man die Kohlenutzung im größeren Umfang weiterentwickelt – wie es bei der Braunkohle in Teilen geschehen ist – hätte Deutschland unter Umständen:
- ein höheres Maß an Energieunabhängigkeit erreicht,
- stabilere Energiepreise aufweisen können,
- Teile der sozialen Verwerfungen im Ruhrgebiet abmildern können,
- sowie eine breitere industrielle Basis bewahren können.
Die Abkehr von der deutschen Steinkohle erscheint somit weniger als zwingende ökonomische Notwendigkeit, sondern eher als das Ergebnis politischer und wirtschaftlicher Abwägungsprozesse, die mit erheblichen Unsicherheiten verbunden waren.
Im Ergebnis könnte argumentiert werden, dass Deutschland eine stabile, heimische und technologisch entwicklungsfähige Energiequelle teilweise aufgegeben und durch stärker importabhängige Alternativen ersetzt hat.
Die langfristigen wirtschaftlichen, sozialen und energiepolitischen Auswirkungen dieser Entscheidung prägen – im größeren Zusammenhang betrachtet – die deutsche Energiepolitik bis heute.
- Volkswirtschaftliche Bewertung: Die verlorene Wertschöpfung einer nicht genutzten Energieautarkie
Die energiepolitische Entscheidung, die deutsche Steinkohle ab den 1960er‑Jahren zurückzufahren und stattdessen Ölimporte massiv auszubauen, hatte nicht nur technologische und gesellschaftliche Folgen, sondern auch erhebliche volkswirtschaftliche Konsequenzen. Die Frage, welche gesamtwirtschaftlichen Vorteile Deutschland gehabt hätte, wenn die Energie‑Wertschöpfung im Inland verblieben wäre, lässt sich anhand mehrerer ökonomischer Dimensionen analysieren: direkte Steuereffekte, indirekte Wertschöpfung, Importsubstitution und makroökonomische Stabilität.
9.1 Direkte Wertschöpfung und Steuereffekte
Der Steinkohlebergbau beschäftigte 1957 rund 607.000 Menschen, die Braunkohle weitere 70.000–90.000. Selbst unter Berücksichtigung technologischer Rationalisierung wären langfristig 300.000–400.000 direkte Arbeitsplätze im Steinkohlebergbau realistisch gewesen.
Ein durchschnittlicher industrieller Arbeitsplatz erzeugt – inflationsbereinigt – 15.000–20.000 € jährliches Steuer‑ und Abgabenaufkommen (Lohnsteuer, Sozialbeiträge, Konsumsteuern).
Konservativ gerechnet ergibt dies:
300.000×15.000=4,5 Mrd. €/Jahr
Über einen Zeitraum von 50 Jahren:
4,5 Mrd.×50=225 Mrd. €
Allein durch direkte Steuern und Abgaben der Beschäftigten.
9.2 Indirekte Wertschöpfung
Der Bergbau erzeugt traditionell einen hohen Multiplikatoreffekt. Jeder Arbeitsplatz im Bergbau schafft 2–3 indirekte Arbeitsplätze in:
- Maschinenbau
- Stahlindustrie
- Logistik
- Energieanlagenbau
- Dienstleistungen
Damit wären 600.000–900.000 zusätzliche Arbeitsplätze stabil geblieben. Bei einem konservativen Steueraufkommen von 10.000 € pro Arbeitsplatz und Jahr ergibt sich:
700.000×10.000=7 Mrd. €/Jahr
Über 50 Jahre:
7 Mrd.×50=350 Mrd. €
9.3 Importsubstitution und Zahlungsbilanz
Deutschland importiert heute jährlich:
- 50–60 Mrd. € an Öl
- 30–40 Mrd. € an Gas
- 5–10 Mrd. € an Steinkohle
Hätte Deutschland die heimische Steinkohle modernisiert und die Braunkohle weiter genutzt, wären 80–100 Mrd. € pro Jahr an Energieimporten entfallen.
Selbst wenn man nur ein Drittel dieser Summe der Steinkohle zurechnet:
30 Mrd. €/Jahr
Über 50 Jahre:
30 Mrd.×50=1,5 Billionen €
Dies ist der größte volkswirtschaftliche Effekt: Die Energie‑Wertschöpfung wäre im Inland geblieben, statt ins Ausland abzufließen.
9.4 Makroökonomische Stabilität und Krisenvermeidung
Die Ölkrisen 1973 und 1979 verursachten in Deutschland:
- massive Rezessionen
- Produktionsausfälle
- steigende Arbeitslosigkeit
- milliardenschwere staatliche Stützungsmaßnahmen
Die volkswirtschaftlichen Schäden beider Krisen zusammen werden auf 100–140 Mrd. € geschätzt. Eine stabile, kohlebasiert autarke Energieversorgung hätte diese Krisenwirkungen erheblich abgeschwächt.
9.5 Gesamtschätzung der verlorenen Wertschöpfung
Addiert man die konservativen Werte:
- Direkte Steuereinnahmen: 225 Mrd. €
- Indirekte Steuereinnahmen: 350 Mrd. €
- Importsubstitution: 1.500 Mrd. €
- Vermeidung von Krisenschäden: 100 Mrd. €
ergibt sich:
⭐ Gesamtvolkswirtschaftlicher Verlust: ca. 2,2 Billionen Euro
(über 50 Jahre, konservativ geschätzt)
Realistisch – unter Berücksichtigung von Zins‑ und Wachstumseffekten – liegt die Größenordnung eher bei 3–4 Billionen Euro.
Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Abkehr von der Steinkohle nicht nur ein energiepolitischer, sondern ein makroökonomischer Einschnitt historischen Ausmaßes war.
- Schlussfolgerung
Die Analyse legt nahe, dass Deutschland in den 1960er‑Jahren über eine nahezu einzigartige Energieautarkie verfügte, die auf der Kombination aus Steinkohle und Braunkohle beruhte. Während die Braunkohle aufgrund ihrer extrem niedrigen Kosten und hohen Verfügbarkeit weiter genutzt wurde, wurde die Steinkohle politisch zurückgefahren – trotz technologischer Entwicklungspotenziale und trotz ihrer strategischen Bedeutung für Versorgungssicherheit und volkswirtschaftliche Stabilität.
Die langfristigen Folgen dieser Entscheidung sind erheblich: Der Verlust hunderttausender Arbeitsplätze, der Strukturbruch im Ruhrgebiet, die Abhängigkeit von volatilen Weltmärkten und ein volkswirtschaftlicher Schaden in Billionenhöhe.
Hätte Deutschland die Kohlenutzung konsequent modernisiert und weiterentwickelt, wäre das Land heute mit hoher Wahrscheinlichkeit:
- energieautark,
- preisstabil,
- geopolitisch unabhängiger,
- industriell stärker,
- und gesellschaftlich stabiler.
Die historische Entscheidung gegen die Steinkohle war damit nicht nur ein energiepolitischer Richtungswechsel, sondern ein tiefgreifender volkswirtschaftlicher Verlust, dessen Auswirkungen bis heute spürbar sind.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die übergeordnete Frage, ob die Geschwindigkeit energiepolitischer Transformationen – damals wie heute – im Einklang mit der notwendigen Sorgfalt und Weitsicht steht.
