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Versorgungssicherheit geht vor

Mögliche Ursachenanalyse des Berliner Stromausfalls vom 3. Januar 2026

Von David Cohnen

Dieser Text stellt keine Tatsachenbehauptung dar, sondern eine technisch und systemisch begründete Szenarioanalyse. Ziel ist es, zu untersuchen, ob neben externen Einwirkungen auch last-, wetter- und netzbedingte Faktoren als mögliche Ursache für den Kabelbrand an einer Berliner Kabelbrücke in Betracht kommen konnten. Die Analyse erhebt keinen Anspruch auf Beweisführung, sondern beschreibt eine plausible Verkettung von Umständen. Sie knüpft an einen zuvor verfassten Aufsatz an, in dem aus hypothetischer Perspektive dargelegt wurde, dass der eingeschlagene energiepolitische Weg Deutschlands unter bestimmten Randbedingungen zu Überlastungen und kritischen Netzsituationen führen kann. Die vorliegende Betrachtung ergänzt diesen Ansatz durch reale meteorologische und netztechnische Rahmenbedingungen des 3. Januar 2026.

Der Stromausfall begann in den frühen Morgenstunden gegen 06:13 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt lagen die Temperaturen in Berlin bei etwa minus zwei bis minus sechs Grad Celsius. Vergleichbare oder niedrigere Temperaturen herrschten gleichzeitig in Skandinavien, Polen, Tschechien, den Benelux-Staaten und Frankreich. Diese europaweite Kälteperiode führte zu einer deutlich erhöhten Stromnachfrage, insbesondere durch Wärmepumpen, elektrische Zusatzheizungen und andere strombasierte Heizsysteme, die vielfach nahe ihrer maximalen Leistungsaufnahme betrieben worden sein dürften.

Die Photovoltaikproduktion lag zu diesem Zeitpunkt systembedingt bei nahezu null, da es noch dunkel war. Die Windenergie stand zwar grundsätzlich zur Verfügung, jedoch unter teils stark schwankenden Bedingungen. Zeitweise starke Winde und Böen können zu Leistungsbegrenzungen oder Abschaltungen einzelner Anlagen führen. Die erneuerbare Stromerzeugung war damit zumindest volatil und nicht vollständig planbar.

Zur Stabilisierung des Netzes ist Deutschland auf Stromimporte aus dem europäischen Verbundnetz angewiesen. Diese sind physikalisch durch Leitungskapazitäten begrenzt. In der beschriebenen Kälteperiode war der Eigenbedarf in den Nachbarstaaten hoch. Besonders Frankreich, wo in erheblichem Umfang elektrisch geheizt wird, verzeichnete eine stark erhöhte Nachfrage. Die kurzfristige Exportfähigkeit dieser Länder war daher eingeschränkt. Während westliche Regionen Deutschlands von Importen profitieren konnten, stieß der Weitertransport in Richtung Ostdeutschland und Berlin an bestehende Netzgrenzen. Berlin liegt am östlichen Rand des deutschen Übertragungsnetzes und ist von großen westeuropäischen Erzeugungsschwerpunkten weit entfernt.

Unter diesen Bedingungen kam es zu einer erheblichen Beanspruchung regionaler Netzinfrastruktur. Kabelbrücken sind dabei nicht grundsätzlich problematisch. Ein einzelnes, frei verlegtes Kabel in Luft ohne Bündelung weist in der Regel eine gute Wärmeabfuhr auf. Kritisch können Kabelbrücken jedoch werden, wenn mehrere leistungsstarke Kabel gebündelt geführt werden, Einhausungen die Luftzirkulation einschränken oder an Übergängen und Muffen lokale thermische Hotspots entstehen. Bei hoher Dauerlast kann dies zu einer Überhitzung einzelner Kabelabschnitte führen.

In einer derart angespannten Versorgungslage stehen Netzbetreiber vor der Abwägung zwischen frühzeitiger Abschaltung und Weiterbetrieb nahe zulässiger Grenzwerte. Beide Optionen führen im Ergebnis zu Versorgungsunterbrechungen, entweder kontrolliert oder ungeplant. Die Versorgung der rund 50.000 betroffenen Berliner Haushalte wäre unter diesen Umständen kaum vermeidbar ausgefallen.

Nach neueren Presseberichten wird der Kabelbrand mittlerweile einer politisch motivierten Sabotagehandlung zugeschrieben. Sollte sich dieser Verdacht bestätigen, entwertet dies die technische Szenarioanalyse nicht. Vielmehr zeigt es, dass Energieinfrastruktur in Phasen hoher systemischer Anspannung besonders verwundbar ist.

Die ideologische Begründung, die mutmaßlich hinter der Tat steht - die Auffassung, Deutschland tue nicht genug für den Klimaschutz und grundlegende Infrastruktur dürfe deshalb angegriffen werden - ist nicht isoliert entstanden. Sie folgt einer Logik, die in abgeschwächter Form auch in Teilen der politischen Debatte erkennbar ist. Dabei geht es ausdrücklich nicht um eine Gleichsetzung demokratisch legitimierter Politik mit Terrorismus. Gleichwohl kann eine Politik, die Versorgungssicherheit relativiert und Risiken als notwendiges Mittel akzeptiert, ein Umfeld schaffen, in dem sich radikalisierte Gruppen bestätigt fühlen.

Aus systemischer Sicht ist es unerheblich, ob die Stabilität der Energieversorgung durch direkte Sabotage oder durch langfristige politische Entscheidungen geschwächt wird. Die Auswirkungen für die Bevölkerung sind ähnlich: Stromausfälle, wirtschaftliche Schäden und Vertrauensverlust. Diese Analyse soll weder Gewalt relativieren noch pauschale Schuldzuweisungen vornehmen. Sie soll verdeutlichen, dass bei allen energiepolitischen Zielsetzungen ein Grundsatz nicht verhandelbar sein darf: Versorgungssicherheit ist ein vorrangiges Gut.

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