Der Osten ist die politische Avantgarde Deutschlands
Der Status quo wird kaputtgehen – die Frage ist nur, wann. Holger Friedrich, 1966 in Ostberlin geboren, Unternehmer und Verleger der Berliner Zeitung, sieht im Gespräch mit Weltwoche-Reporter Roman Zeller das politische und mediale Establishment in einer Blase, die mit der Realität in Deutschland und besonders im Osten nichts mehr zu tun hat.
Die Realitäten klaffen weit auseinander und die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt liefern nur die Evidenz. Wenn am zentralen Platz des Landes vor dem Sitz des Bundespräsidenten elementarste hygienische Standards nicht mehr durchgesetzt werden können und der Hauptbahnhof zum Schauplatz des Ordnungsverlusts wird, braucht man gar nicht erst auf Prozentzahlen zu schauen. Der Zusammenbruch staatlicher Verantwortung ist längst da.
Das pathologische Festhalten an der Brandmauer ist bloß das Verschieben einer überfälligen Veränderung. Man kauft Zeit, ohne Idee für den Tag danach. Der Osten ist laut Friedrich nicht hinter dem Westen und schon gar nicht „dunkelrechts“, sondern im Gegenteil die Avantgarde der politischen Entwicklung Deutschlands. Die jüngere Generation fordert Veränderung, die etablierten Strukturen nicht liefern können oder wollen.
CDU und SPD sind in diesem Zustand nicht mehr wählbar: Ihre Interessen gelten dem eigenen Apparat, nicht dem Nutzen fürs Land. Hochmut und Standesdünkel halten sie im Denkmodell von 1985 gefangen – Westbindung, Priel und Schwarzwaldklinik –, während 2026 längst andere Rahmenbedingungen gelten.
Deutschland leidet unter strukturellen Defiziten: abnehmende Bildungsqualität seit Jahrzehnten, demografisches Problem, Unfähigkeit im Umgang mit modernen Technologien. Die Folge ist Braindrain. Leistungsträger weichen aus – in die Schweiz, die USA, die Golfregion.
Abgabenlast und übergriffige Regulationen machen das Land unattraktiv. Statt Basics wie Kultur, Bildung und Wertschöpfung priorisiert man überbordende Sozialstrukturen, NGO-Finanzierung und fragwürdige Militarisierung. Die Scheinwirklichkeit aus Interviewformaten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ersetzt den Blick auf die Straße.
Friedrich plädiert für ehrliche Bestandsaufnahme nach dem Muster Situation-Complication-Solution, für runde Tische jenseits der Parteiapparate und für mehr direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild. Den Diskurs zu verweigern ist ein antizivilisatorischer Akt. Er wünscht Deutschland eine defensive, moderierende Rolle, moralisch integer und dämpfend gegenüber Extremismus.
Die Prognose bleibt nüchtern: Ohne Kurswechsel wird das Land zum Touristenort, an dem man betrachtet, wie die Welt vor 100 Jahren prosperierte – und es heute nicht mehr ist. Bis dahin gilt der alte DDR-Spruch: Bleibe im Land und wehre dich täglich.
(pi-news.net)
