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Chatelaine meint…

Das Leben ist nichts für Feiglinge

Ich frage mich oft, ob meine Generation noch weiß, was Freiheit bedeutet - wie sie sich anfühlt.

Nicht die Freiheit, zwischen 27 Sorten Joghurt zu wählen. Nicht die Freiheit, rund um die Uhr erreichbar zu sein. Und auch nicht die Freiheit, meinen Mitmenschen mitzuteilen, wo ich bin und was ich esse. Nein. Ich meine diese andere Freiheit.

Die Freiheit, unsere Jugend in den 80er Jahren. Damals, als wir Kinder aus dem Haus gingen und unsere Eltern wussten, dass wir wiederkommen würden. Irgendwann. Spätestens wenn die Straßenlaternen angingen.
Trotz dieser Leichtigkeit, komme ich oft ins grübeln, ich sitze ich da und denke über die Generationen vor uns nach. Über unsere Omas und Opas. Über unsere Eltern. Über die Menschen, die noch unter uns sind und Dinge erlebt haben, die für viele von uns heute kaum vorstellbar sind und die Generation Z.
Und dann frage ich mich: Was ist eigentlich aus uns geworden?

Wir, die wir über alles reden. Über Gefühle. Über Verletzungen. Über Grenzen. Über das, was uns guttut und was nicht. Wir haben für alles ein Wort. Und wenn wir keines haben, oder uns dieses Wort nicht mehr gefällt, dann erfinden wir eben ein neues Wort dafür. Lustig finde ich Worte wie SonderVermögen, AngriffsKrieg, KlimaWandel, eine Urne für deine Stimme usw.

Früher gab es auch Worte. Aber manchmal fehlte schlicht die Sprache. Vielleicht, weil das Erlebte zu groß war. Vielleicht, weil niemand gefragt hat. Oder weil man wusste: Darüber spricht man nicht. Unsere Omas und Opas – diejenigen, die die Zeit des Nationalsozialismus als Erwachsene erlebt haben. Krieg, Angst, Verlust, Zerstörung. Menschen, die Dinge gesehen und erlebt haben, die sie vielleicht nie wieder aus ihrem Kopf bekommen haben. Viele von ihnen sind inzwischen gegangen.

Und mit ihnen Geschichten, die nie erzählt wurden. Nicht, weil sie nichts zu erzählen gehabt hätten. Sondern vielleicht, weil es schlicht keine Worte dafür gab.
Kinder, die den Krieg politisch nicht verstanden haben, ihn aber erlebt haben. Mit ihren kleinen Augen.

Die Flucht. Nächte im Keller. Hunger. Angst. Die Mutter, die vielleicht selbst nicht wusste, wohin sie gehen sollte, aber ein Kind an der Hand hatte und weiterlaufen musste. Immer weiter. Und diese Kinder leben zum Teil heute noch unter uns. Sie waren klein, als ihre Welt zusammenbrach. Und später sollten sie einfach weitermachen.

Aufbauen. Arbeiten. Eine Familie gründen. Funktionieren.

Funktionieren.

Ein Wort, das vermutlich viele dieser Generation besser kannten als „darüber reden“. Wir hatten Eltern und Großeltern, die uns vielleicht manchmal streng vorkamen. Die nicht über jedes Gefühl gesprochen haben. Die manchmal einfach sagten: „Stell dich nicht so an.“ Heute würde man darüber vermutlich erst einmal diskutieren.

Und jetzt?

Jetzt leben Generationen nebeneinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die einen haben erlebt, wovon sie nie sprechen konnten. Die anderen haben gelernt, dass man über alles sprechen darf. Ich finde es ist an der Zeit, unsere Generationen zu verbinden und zu heilen.

Die Erfahrungen der Generationen vor uns, unserer eigenen und derer, die nach uns kommen. Das Leben ist nichts für Feiglinge. Ein Satz der über allen Generationen stehen könnte. 

Vielleicht sollten wir aufhören, uns gegeneinander aufstacheln zu lassen – und anfangen, uns zu fragen, wem unsere Spaltung eigentlich nützt. Wir sollten uns verbinden, denn gemeinsam tragen wir die Vergangenheit in uns, leben die Gegenwart – und haben die Zukunft in der Hand.

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