Springe zum Inhalt

Wirtschaftlicher Aufschwung auf Pump

Fachkräftemangel, Bürokratie und die Fehlsteuerung von Ressourcen

Von David Cohnen

Mehr Steuereinnahmen sind noch kein wirtschaftlicher Erfolg

Bundesfinanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil sieht Anlass, die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands positiver zu beurteilen. Die jüngste Steuerschätzung weist höhere Einnahmen aus als noch im Frühjahr erwartet. Zugleich wurde die Wachstumsprognose der Bundesregierung für 2026 von ursprünglich 0,5 auf 1,3 Prozent angehoben. Klingbeil verweist auf die erwarteten Steuereinnahmen und die wirtschaftliche Entwicklung, um die Lage des Landes in einem günstigeren Licht erscheinen zu lassen.

Doch was sagen diese Zahlen tatsächlich aus? Und was verschweigt eine solche Darstellung, wenn sie den Eindruck vermittelt, Deutschland befinde sich auf dem Weg zu einem nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung?

Wachstum auf Pump ist kein Beweis für eine gesunde Wirtschaft

Die Anhebung der Wachstumsprognose um 0,8 Prozentpunkte ist zunächst eine Veränderung der Erwartungen. Sie ist nicht gleichbedeutend mit einem entsprechenden Zuwachs an wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, der aus eigener Kraft entstanden wäre. Ein wesentlicher Teil des erwarteten Wachstums wird nach Angaben von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche durch staatliche Impulse aus den kreditfinanzierten Infrastruktur- und Verteidigungsprogrammen getragen. Sie bezifferte diesen Anteil auf rund zwei Drittel des erwarteten Wachstums. Das verbleibende Drittel entfalle auf die Exporte. Gleichzeitig steigen die privaten Investitionen nach ihrer Darstellung lediglich um 0,2 Prozent, während die Zahl der Erwerbstätigen sinkt.

Diese Angaben sind entscheidend. Sie zeigen, dass die Regierung selbst noch keinen selbsttragenden Aufschwung beschreibt. Die staatlichen Ausgaben sollen die Wirtschaft anschieben, während die privaten Investitionen nur schwach zulegen. Ein kräftiger, aus der eigenen Dynamik der Unternehmen entstehender Aufschwung sieht anders aus.

Natürlich können staatliche Investitionen wirtschaftlich sinnvoll sein. Wenn marode Brücken saniert, Schienenwege ausgebaut, Stromnetze modernisiert oder tatsächlich benötigte Infrastruktur geschaffen wird, kann daraus ein langfristiger Nutzen entstehen. Doch die Kreditaufnahme allein garantiert weder eine sinnvolle Verwendung der Mittel noch einen angemessenen Ertrag. Entscheidend ist, ob die Ausgaben dauerhaft produktive Kapazitäten schaffen, die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und den Wohlstand der Bevölkerung verbessern.

Wer kreditfinanzierte Ausgaben tätigt, kann damit zunächst die gemessene Wirtschaftsleistung erhöhen. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass die Wirtschaft strukturell gesünder wird. Die Schulden bleiben bestehen. Ob ihnen ein ausreichender wirtschaftlicher Nutzen gegenübersteht, lässt sich erst anhand der tatsächlich geschaffenen Werte und ihrer langfristigen Wirkung beurteilen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie viel Geld die Regierung ausgibt, sondern was dieses Geld am Ende bewirkt.

Noch nicht einmal die personellen Voraussetzungen für die Umsetzung sind gesichert

Ein weiterer Punkt wird in der politischen Diskussion häufig vernachlässigt: Geld allein baut keine Brücken, saniert keine Bahnstrecken, errichtet keine Fabriken und entwickelt keine neuen Technologien. Dafür benötigt man Ingenieure, Bauarbeiter, Handwerker, Techniker, Fachplaner und qualifizierte Beschäftigte in den ausführenden Unternehmen. Auch die zuständigen Behörden müssen in der Lage sein, Projekte rechtzeitig zu planen, zu genehmigen und zu begleiten.

Gerade in diesen Bereichen wird seit Jahren über Fachkräftemangel und langwierige Genehmigungsverfahren geklagt. Wenn die erforderlichen Arbeitskräfte, Planungskapazitäten und technischen Ressourcen nicht in ausreichendem Umfang zur Verfügung stehen, kann zusätzlich bereitgestelltes Geld die tatsächliche Umsetzung nicht beliebig beschleunigen. Es drohen Verzögerungen, steigende Baupreise und eine Konkurrenz um bereits knappe Arbeitskräfte.

Das bedeutet nicht, dass sämtliche staatlichen Investitionsprogramme zwangsläufig an diesen Hindernissen scheitern. Es bedeutet aber, dass vor der Bereitstellung immer größerer Kreditsummen geklärt werden müsste, ob die notwendigen personellen und organisatorischen Voraussetzungen überhaupt vorhanden sind.

Eine Regierung, die Milliardenbeträge mobilisiert, muss sich daher auch daran messen lassen, ob sie die Projekte tatsächlich umsetzen kann. Die bloße Bereitstellung von Geld ist noch keine Leistung. Und eine politische Erfolgsmeldung über zusätzliche Ausgaben ersetzt keinen Nachweis darüber, welche zusätzlichen wirtschaftlichen Werte damit geschaffen wurden.

 

Höhere Steuereinnahmen sind kein Beweis für einen entsprechenden realen Wohlstandsgewinn

 

Ähnlich verhält es sich mit der Steuerschätzung. Für das Jahr 2027 werden für Bund, Länder und Gemeinden zusammen rund 10,9 Milliarden Euro mehr Steuereinnahmen erwartet als noch im Mai. Über den gesamten Zeitraum von 2026 bis 2030 summiert sich die gegenüber der vorherigen Schätzung erwartete Verbesserung auf rund 43,4 Milliarden Euro.

 

Diese Zahlen sind real, aber ihre Interpretation verlangt Sorgfalt. Steuereinnahmen hängen nicht allein von der realen Wirtschaftsleistung ab. Auch die Entwicklung der Preise, der nominalen Löhne, der Unternehmensumsätze und der steuerlichen Rahmenbedingungen beeinflusst das Aufkommen.

 

Wenn Preise steigen, können Umsatzsteuereinnahmen zunehmen, ohne dass die Verbraucher dafür mehr Waren oder Dienstleistungen erhalten. Steigen nominale Löhne, können auch die Einnahmen aus der Lohnsteuer zunehmen, obwohl die reale Kaufkraft der Beschäftigten deutlich weniger stark wächst, überhaupt nicht zunimmt oder sogar zurückgeht. Die Steuereinnahmen können somit steigen, obwohl die reale Wirtschaftsleistung stagniert oder schrumpft und sich die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung nicht verbessert, sondern sogar verschlechtert.

 

Und wenn der Staat zusätzliche Rüstungsgüter beschafft oder Bauaufträge vergibt, entstehen je nach Herkunft und Art der Leistungen ebenfalls steuerliche Einnahmen. Bei importierten Gütern ist die inländische Wertschöpfung allerdings geringer als bei vollständig in Deutschland produzierten Gütern.

 

Deshalb ist die Aussage, der Staat nehme mehr Steuern ein, kein ausreichender Beleg dafür, dass es der Wirtschaft und den Bürgern entsprechend besser geht. Man muss wissen, wodurch die Mehreinnahmen entstehen, wie sich die Preise entwickelt haben und ob die reale Produktion, die Produktivität und die verfügbaren Einkommen tatsächlich zunehmen.

 

Hinzu kommt, dass die höheren Steuereinnahmen keineswegs automatisch einen größeren finanziellen Handlungsspielraum eröffnen. Klingbeil selbst erklärte am 22. Oktober 2026, dass daraus für den Bundeshaushalt 2027 keine neuen Spielräume entstünden. Die zusätzliche Einnahmeerwartung ist also nicht mit frei verfügbarem Geld gleichzusetzen.

Klingbeils Darstellung lässt entscheidende Fragen offen

 

Wenn ein Finanzminister eine günstigere Steuerschätzung als positives Signal für die wirtschaftliche Entwicklung hervorhebt, ist das zunächst legitim. Problematisch wird es, wenn aus einer verbesserten Prognose der Eindruck eines umfassenden wirtschaftlichen Erfolgs entsteht, ohne die Ursachen und die Qualität des erwarteten Wachstums ausreichend zu berücksichtigen.

 

Die entscheidenden Fragen bleiben: Wie viel des Wachstums beruht auf staatlichen, kreditfinanzierten Ausgaben? Wie entwickelt sich die private Investitionstätigkeit? Steigt die Produktivität? Werden mehr wettbewerbsfähige Güter und Dienstleistungen geschaffen? Und kann die Wirtschaft auch dann wachsen, wenn die staatlichen Impulse nachlassen?

 

Wer diese Fragen nicht beantwortet, sondern vor allem auf höhere Steuereinnahmen und eine angehobene Wachstumsprognose verweist, betreibt politische Schönfärberei. Die Zahlen werden nicht unbedingt falsch wiedergegeben, aber ihre Bedeutung wird überhöht. Aus einer verbesserten Erwartung wird eine Erfolgserzählung, obwohl die strukturellen Voraussetzungen für einen nachhaltigen Aufschwung noch längst nicht gesichert sind.

 

Der Fachkräftemangel ist auch ein Problem der Ausbildung und der Personalverteilung

Damit kommen wir zu einem weiteren Grundproblem der deutschen Wirtschaft. Seit Jahren beklagen Unternehmen und Politiker einen Mangel an Fachkräften. Dabei wird häufig so gesprochen, als handele es sich um eine von außen kommende Knappheit, die sich vor allem durch zusätzliche Zuwanderung beheben ließe.

Doch Fachkräfte entstehen nicht von selbst. In früheren Jahrzehnten bildeten kleine, mittlere und große Unternehmen in vielen Branchen kontinuierlich den Nachwuchs aus, den sie für ihre zukünftige Entwicklung benötigten. Die betriebliche Ausbildung war eine Investition in die eigene Leistungsfähigkeit und in die nächste Generation von Beschäftigten.

Diese Tradition besteht weiterhin, und keineswegs alle Unternehmen haben ihre Ausbildungsanstrengungen aufgegeben. Dennoch ist es ein wirtschaftliches Problem, wenn Betriebe ihre Ausbildung reduzieren und stattdessen darauf setzen, bei Bedarf bereits fertig qualifizierte Beschäftigte auf dem Arbeitsmarkt oder im Ausland zu finden.

Für das einzelne Unternehmen kann eine solche Entscheidung kurzfristig wirtschaftlich erscheinen. Die Ausbildung kostet Geld, bindet erfahrene Mitarbeiter und führt nicht sofort zu einer voll einsetzbaren Fachkraft. Wenn jedoch viele Unternehmen nach demselben Muster handeln, kann die Gesamtheit der Unternehmen zu wenig Nachwuchs ausbilden. Jeder hofft dann, die benötigten Fachkräfte würden anderswo ausgebildet.

Die Folgen dieses Verhaltens verschwinden nicht dadurch, dass man den Personalbedarf später durch Einwanderung deckt. Es wird vielmehr die Frage aufgeworfen, ob unternehmerische Entscheidungen, die kurzfristig Kosten sparen, langfristig auf die Allgemeinheit abgewälzt werden.

Der Staat ist nicht verpflichtet, Versäumnisse der Unternehmen durch Einwanderung auszugleichen

Daraus ergibt sich eine grundsätzliche Frage: Ist es Aufgabe des Staates, Unternehmen, die ihren Fachkräftenachwuchs nicht ausreichend selbst gesichert haben, durch Einwanderung die benötigten Arbeitskräfte bereitzustellen? Und wenn der Staat diesen Weg beschreitet, muss zugleich sichergestellt sein, dass die zusätzlich gewonnenen Arbeitskräfte über die erforderlichen Qualifikationen und Fähigkeiten verfügen oder diese in angemessener Zeit erwerben können, um den an sie gestellten beruflichen Anforderungen tatsächlich gerecht zu werden. Gerade dieser Gesichtspunkt ist in der bisherigen Einwanderungs- und Fachkräftepolitik offensichtlich nicht berücksichtigt worden. Die Bereitstellung zusätzlicher Arbeitskräfte allein gewährleistet noch nicht, dass diese den konkreten Anforderungen der Unternehmen entsprechen und tatsächlich zur Behebung des bestehenden Fachkräftemangels beitragen.

Es besteht kein Anspruch der Unternehmen darauf, dass die von ihnen selbst nicht ausreichend ausgebildeten Fachkräfte durch Zuwanderung ersetzt werden. Selbst wenn es möglich wäre, in großer Zahl ausländische Arbeitskräfte mit den erforderlichen Qualifikationen und Leistungsfähigkeiten zu gewinnen, wäre damit noch nicht gewährleistet, dass dies für die Volkswirtschaft insgesamt von Vorteil wäre. Ein zusätzliches Angebot an leistungsfähigen Arbeitskräften könnte vielmehr ein neues Ungleichgewicht erzeugen, wenn dadurch heimische Arbeitskräfte verdrängt würden. Die Deckung des Personalbedarfs einzelner Unternehmen darf deshalb nicht isoliert betrachtet werden. Entscheidend ist, welche Auswirkungen eine solche Politik auf den gesamten Arbeitsmarkt und die Beschäftigungsmöglichkeiten der bereits im Land lebenden Menschen hätte.

Die Zuwanderung von Fachkräften kann allenfalls ein vorübergehendes Instrument sein, um kurzfristige Engpässe über einen begrenzten Zeitraum zu überbrücken. Sie darf nicht dazu führen, dass notwendige Anpassungen dauerhaft unterbleiben und strukturelle Probleme immer wieder durch die Zufuhr zusätzlicher Arbeitskräfte verdeckt werden. Langfristig müssen Staat und Wirtschaft dafür sorgen, dass die Volkswirtschaft ihre eigentliche Aufgabe erfüllt: Über das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage müssen die vorhandenen menschlichen Ressourcen sinnvoll eingesetzt, berufliche Qualifikationen bedarfsgerecht entwickelt und Arbeitskräfte dort eingesetzt werden, wo sie den größten volkswirtschaftlichen Nutzen erbringen. Nur wenn dieser Ausgleich gelingt, kann eine Volkswirtschaft ihre Leistungsfähigkeit dauerhaft sichern und erfolgreich wirtschaften.

Das bedeutet nicht, dass jede betriebliche Ausbildungspflicht gesetzlich vorgeschrieben werden sollte oder dass Einwanderung grundsätzlich abzulehnen wäre. Bei neu entstehenden Berufsfeldern, unerwarteten Engpässen und tatsächlich fehlenden Qualifikationen kann die Anwerbung ausländischer Fachkräfte sinnvoll sein. Aber sie darf nicht zum selbstverständlichen Ersatz für eine unzureichende Personalplanung werden.

Einwanderung betrifft schließlich nicht nur die Interessen einzelner Arbeitgeber. Sie hat Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt, die Infrastruktur, die Bildungseinrichtungen, die öffentlichen Haushalte und den Arbeitsmarkt. Zudem kann die Abwerbung qualifizierter Menschen den Herkunftsländern schaden, wenn dort dringend benötigte Fachkräfte fehlen.

Der Staat muss daher die Interessen der gesamten Volkswirtschaft und der Bevölkerung berücksichtigen. Er ist nicht dazu verpflichtet, den Personalbedarf jedes einzelnen Unternehmens unabhängig davon zu decken, ob dieses Unternehmen selbst genügend für seine zukünftige Personalversorgung getan hat.

Die knappe Ressource Mensch muss sinnvoll eingesetzt werden

Damit ist allerdings nur ein Teil des Problems angesprochen. Selbst wenn genügend Menschen vorhanden sind, ist noch nicht gewährleistet, dass ihre Fähigkeiten volkswirtschaftlich sinnvoll eingesetzt werden.

Deutschland beklagt einen Mangel an Handwerkern, Technikern, Ingenieuren, Pflegekräften und Beschäftigten in anderen wichtigen Bereichen. Gleichzeitig arbeiten zahlreiche qualifizierte Menschen in Verwaltung, Kontrolle, Dokumentation, Berichtswesen und der Umsetzung immer komplexerer Vorschriften.

Natürlich sind viele dieser Tätigkeiten notwendig. Ein funktionierender Staat braucht Verwaltung, Rechtsprechung, Sicherheit und Kontrolle. Auch Unternehmen benötigen Buchhaltung, Qualitätsmanagement und die Einhaltung gesetzlicher Anforderungen. Doch der notwendige Umfang dieser Tätigkeiten ist nicht unbegrenzt. Wenn immer mehr Arbeitszeit durch zusätzliche Vorschriften, Berichtspflichten, Nachweise und Genehmigungsverfahren gebunden wird, entstehen Opportunitätskosten.

Ein Ingenieur, der einen erheblichen Teil seiner Arbeitszeit mit vermeidbarer Dokumentation verbringen muss, kann in dieser Zeit keine neue Anlage entwickeln. Ein qualifizierter Mitarbeiter, der unnötig komplizierte Genehmigungsverfahren bearbeitet, steht nicht gleichzeitig für andere Aufgaben zur Verfügung. Und eine Verwaltung, die sich vor allem mit der Kontrolle immer weiterer Regelungen beschäftigt, muss sich fragen lassen, ob diese Regelungen tatsächlich einen entsprechend hohen gesellschaftlichen Nutzen erzeugen.

Entscheidend ist dabei nicht die Berufsbezeichnung und auch nicht, ob jemand Beamter oder Angestellter ist. Entscheidend ist, welche Leistung erbracht wird, ob sie notwendig ist und ob der dafür eingesetzte Personalaufwand in einem angemessenen Verhältnis zum Ergebnis steht.

Hohe Qualifikation allein schafft noch keinen hohen volkswirtschaftlichen Nutzen. Entscheidend ist, ob die vorhandenen Fähigkeiten dort eingesetzt werden, wo sie die Produktivität erhöhen, wichtige Leistungen ermöglichen und den Lebensstandard der Bevölkerung verbessern.

Wirtschaftlicher Erfolg muss sich an realer Wertschöpfung messen lassen

Die verschiedenen Probleme hängen miteinander zusammen. Unternehmen bilden möglicherweise zu wenig aus. Der Staat versucht, den Personalbedarf teilweise durch Einwanderung zu decken. Gleichzeitig werden qualifizierte Arbeitskräfte durch bürokratische Anforderungen gebunden. Und die Regierung stellt immer größere kreditfinanzierte Summen bereit, um Investitionen anzustoßen, deren Umsetzung wiederum von knappen personellen und technischen Kapazitäten abhängt.

Unter solchen Bedingungen reicht es nicht, steigende Steuereinnahmen, höhere Staatsausgaben oder eine verbesserte Wachstumsprognose als Beleg für eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik anzuführen.

Eine leistungsfähige Volkswirtschaft muss ihren Nachwuchs rechtzeitig ausbilden, vorhandene Fähigkeiten sinnvoll einsetzen, private Investitionen ermöglichen und unnötige bürokratische Belastungen reduzieren. Sie muss dafür sorgen, dass die Arbeitskräfte und das Kapital tatsächlich mehr produktive Leistungen hervorbringen. Und sie muss darauf achten, dass die Kosten ihrer Politik nicht dauerhaft schneller steigen als der wirtschaftliche Nutzen.

Daran sollte sich auch die Politik des Finanzministers messen lassen. Nicht daran, ob sich eine Prognose gegenüber einer zuvor schwächeren Prognose verbessert hat, sondern daran, ob Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit stärkt, seine Produktivität erhöht und einen nachhaltigen Wohlstandsgewinn erzielt.

Fazit: Eine Erfolgsmeldung ersetzt keine erfolgreiche Wirtschaftspolitik

Die deutsche Wirtschaft benötigt keinen politischen Optimismus, der aus jeder verbesserten Prognose einen Erfolg ableitet. Sie benötigt eine nüchterne Analyse ihrer tatsächlichen Leistungsfähigkeit.

Wenn das Wachstum wesentlich durch kreditfinanzierte Staatsausgaben getragen wird, wenn private Investitionen schwach bleiben, wenn die personellen Voraussetzungen für die Umsetzung großer Programme nicht gesichert sind und wenn gleichzeitig Fachkräfte durch vermeidbare Bürokratie gebunden werden, dann ist eine positive Steuerschätzung kein ausreichender Grund, von einer nachhaltigen wirtschaftlichen Erholung zu sprechen.

Klingbeil mag sich auf höhere erwartete Steuereinnahmen berufen. Doch diese Zahlen beantworten nicht die entscheidende Frage: Wird Deutschland wirtschaftlich leistungsfähiger, oder werden lediglich mehr Schulden aufgenommen, mehr Geld umgesetzt und höhere nominale Einnahmen erzielt, ohne die strukturellen Probleme zu lösen?

Wer diese Unterschiede nicht offenlegt, führt die Öffentlichkeit in die Irre – nicht unbedingt durch falsche Einzelzahlen, sondern durch eine Darstellung, die aus begrenzten positiven Signalen eine umfassende Erfolgsgeschichte macht.

Ein Staat wird nicht dadurch wohlhabender, dass er mehr Geld ausgibt. Eine Volkswirtschaft wird nicht dadurch leistungsfähiger, dass sie mehr Menschen beschäftigt. Und ein Fachkräftemangel wird nicht dadurch dauerhaft behoben, dass man die Verantwortung für die Ausbildung des Nachwuchses auf andere Länder verlagert.

Wohlstand entsteht durch produktive Arbeit, technische Entwicklung, Investitionen mit dauerhaftem Nutzen, eine leistungsfähige Infrastruktur und den sinnvollen Einsatz der verfügbaren Fähigkeiten. Solange diese Voraussetzungen nicht ausreichend erfüllt sind, bleibt die politische Erfolgsmeldung über höhere Steuereinnahmen vor allem eines: eine Darstellung, die wesentlich besser klingt, als sie die tatsächliche wirtschaftliche Lage rechtfertigt.

Quellen und Belege

PS: Wer sich vertiefend mit der Bedeutung kognitiver Fähigkeiten für die Entwicklung von Gesellschaften beschäftigen möchte, findet dazu weitere Überlegungen in meinem Buch Kognitive Intelligenz – Die Bedeutung kognitiver Fähigkeiten für die Entwicklung von Gesellschaften.

https://www.amazon.de/dp/B0H8ZVF4RF

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert