Ein Tageskommentar von Seneca

Seneca-Statue in Cordoba, der Heimatstadt. (Wikipedia)
(gh) - was würde Seneca über den Bürgerkrieg in Europa schreiben und als Abwehr empfehlen? Dem war nichts Menschliches fremd. Man muss ihn nur lesen. In den Epistulae morales , Briefe an Lucilius und De Ira , Über die Wut, nimmt er Stellung.
Er erlebte die Tyrannei Caligulas und Neros sowie die anhaltenden Traumata der römischen Bürgerkriege – für ihn war der innere Konflikt einer Gesellschaft die ultimative Manifestation geistiger Krankheit.
Der Krieg beginnt im Geist, meint er und würde argumentieren, dass der äußere Krieg nur das Symptom einer inneren Zerrüttung ist. Er sähe Europa als Opfer von Wut (ira), Ehrgeiz (ambitio) und Gier (avaritia). Ein Bürgerkrieg entsteht für ihn, wenn Menschen die Vernunft verlieren und sich von Affekten leiten lassen.
Für Seneca sind alle Menschen – unabhängig von Nation, Schicht oder Ideologie – Teil eines einzigen großen Körpers , der Cosmopolis), Er würde schreiben: "Wir sind Glieder eines großen Körpers. Die Natur hat uns als Verwandte geschaffen... Sie hat uns gegenseitige Liebe eingeflößt"-'. (Brief 95). Den Gegner zu bekämpfen, hieße für ihn, sich selbst zu verstümmeln.
Er würde davor warnen, dass im Bürgerkrieg die Moral kollabiert. Wenn die Gesetze des Staates versagen, bricht das Tier im Menschen aus. Er würde die Grausamkeit anprangern, die entsteht, wenn Nachbarn zu Feinden werden.
Zur Abwehr eines solchen Untergangs würde Seneca keine militärischen Taktiken, sondern eine tiefgreifende ethische und psychologische Festung empfehlen: Kultivierung der inneren Festung (Arx Animi). Bevor man die Gesellschaft retten kann, muss man sich selbst retten. Seneca würde den Europäern raten, sich nicht von der kollektiven Hysterie, von Fake News oder populistischer Hetze anstecken zu lassen.
Als Praxis empfehlen würde er, sich täglich in stoischer Gelassenheit zu üben. Nur wer seine eigenen Emotionen kontrolliert, wird nicht Teil des wütenden Mobs.
Für Seneca ist Wut eine kurze Raserei. Er würde fordern, dass politische Führer und Bürger gleichermaßen die Eskalationsspirale stoppen. Praxis: Niemals aus dem ersten Impuls heraus handeln. Pausen einlegen, bevor man antwortet oder digitale Debatten anheizt. Wut bekämpft man nicht mit Wut, sondern mit Mäßigung (Temperantia).
In seiner Schrift De Clementia (Über die Milde) legte er dar, dass Herrscher (und Bürger) Macht durch Milde und nicht durch Härte sichern. Praxis: Den politischen Gegner nicht entmenschlichen. Seneca würde Dialoge empfehlen, die auf dem gemeinsamen Menschsein basieren, statt auf trennenden Ideologien. Fehler und Verirrungen der Gegenseite müssen mit philosophischer Nachsicht betrachtet werden.
Seneca würde die Europäer daran erinnern, zu trennen: Was liegt in meiner Macht und was nicht? Praxis: Man kann das geopolitische Chaos oft nicht allein stoppen, aber man kann kontrollieren, wie man sich seinen Mitmenschen gegenüber verhält. Die Abwehr des Krieges beginnt im Kleinen: durch Gerechtigkeit, Pflichterfüllung und Solidarität im eigenen Viertel.
Ein fiktives Seneca-Zitat könnte lauten
"Ihr sorgt euch um die Grenzen eurer Nationen und die Spaltung eurer Parlamente, doch die wahre Grenze verläuft zwischen eurer Vernunft und eurer Wut. Europa wird nicht durch Waffen von außen fallen, sondern durch die Blindheit von innen. Wenn ihr den Krieg abwehren wollt, legt zuerst die Waffen eurer Zunge und eures Hasses nieder. Erinnert euch daran, dass derjenige, den ihr schlagen wollt, euer Mitbürger der Welt ist'“..
