Enzensberger kündigte schon 1993 den Bürgerkrieg an

(gh) - Hans Magnus Enzensberger hat 1993 sein Buch "Aussichten auf den Bürgerkrieg" veröffentlicht. Keine schöne Aussicht für Deutschland, ja Europa, Nun stecken sie mittendrin. Er beschreibt den modernen Bürgerkrieg nicht mehr als organisierten Kampf zweier großer Ideologien, sondern als molekulare, weltweite Gewalt ohne klares Ziel, die durch den Verlust von gemeinsamen Werten und den Zerfall gesellschaftlicher Strukturen entsteht.
Momentan bewahrheitet sich die düstere Kernthese, die Enzensberger schon vor über 30 Jahren formuliert hat. Enzensberger sah den Bürgerkrieg nicht erst dann gekommen, wenn Panzer rollen, sondern wenn die Gewalt im Alltag alltäglich wird. Er spricht von Vandalismus, Hasskriminalität und dem Verlust des Respekts vor dem Nächsten.
Viele Menschen empfinden die heutige Verrohung im Netz und im öffentlichen Raum als genau diese Vorstufe.Anders als im klassischen Bürgerkrieg, wie etwa im spanischen Bürgerkrieg, geht es laut Enzensberger nicht mehr um eine „bessere Welt“ oder ein politisches Programm. Die Gewalt werde zum Selbstzweck, getrieben von Frustration und dem Fehlen einer gemeinsamen gesellschaftlichen Plattform.
Ein zentraler Punkt des Essays ist die Unfähigkeit des Staates, seine Bürger zu schützen, wenn die Zersetzung von innen heraus geschieht. Die Debatten über sogenannte „Parallelgesellschaften“ oder Zonen, in denen staatliche Regeln kaum noch greifen, spiegeln diese Sorge heute wider.
Enzensbergers Werk war als Warnung gedacht. Er wollte aufzeigen, wie dünn die Decke der Zivilisation ist und wie schnell Gesellschaften in einen Zustand des „Jeder gegen Jeden“ abgleiten können, wenn der soziale Grundkonsens wegbricht.
Der Mensch ist der einzige unter den Primaten, der die Tötung seiner Artgenossen planvoll, in größerem Maßstab und enthusiastisch betreibt. Der Krieg gehört zu seinen wichtigsten Erfindungen.
(Hans Magnus Enzensberger)
