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Chatelaine meint…

Rulla, rulla, rulllala

Wer kennt nicht das Lied - "Auf de schwäbsche Eisebahne
gibt´s gar viele Haltstatione, Schtuegert, Ulm und Biberach, Meckebeure, Durlesbach. Rulla, rulla, rulllala, rulla, rulla, rulllala“.  Aber erst einmal nach Stuttgart kommen, das inzwischen ja unterirdisch ist.
Ich liebe BarGeld und so gebe ich mein Vermögen gerne in Bar aus, am Vorabend meiner Reise wollte ich am Bahnhof mein Ticket lösen. Hier betrat ich eine Baustelle mit Bauarbeitern, allerdings ohne Ticketautomaten. Ich habe die Information bekommen, im Zuge der Baustelle wurde der Automat abgebaut, ich könne das Ticket auch im Zug lösen.

So stieg ich am anderen Morgen ohne Fahrschein in den Zug und machte mich auf den Weg, den Schaffner zu suchen. Ich habe erfreut zwei Damen in DB-Uniform erblickt, nach einem freundlichen Guten Morgen bat ich um eine Fahrtkarte nach Stuttgart. Die beiden haben sich angeschaut, und irgendwie herrschte kurz Sprachlosigkeit. So wurde mir freundlich erklärt, dass meine Vorstellung wohl etwas nostalgisch ist. Ich hatte wirklich Glück, an dieses Team zu geraten. Sie fragten mich ganz vorsichtig, ob ich nicht vielleicht jemanden bitten könnte, mir ein Ticket online zu kaufen und aufs Handy zu schicken.
„Klar“, sagte ich ziemlich schnell. Ich bin zwar ein älteres Semester, aber noch lange kein Digitalisierungsverweigerer.
Ich weiß, wie man ein Handy bedient, und ja, ich komme mit dieser neuen digitalen Welt zurecht, waren meine etwas trotzigen Gedanken. So habe ich Platz genommen und das mit meinem Handy geregelt, dann habe ich ein Buch rausgezogen, automatisch musste ich grinsen. Bin doch oft analog unterwegs, nachdem ich die ersten fünf Zeilen sicher zehnmal gelesen habe, habe ich das Buch wieder in die Tasche gesteckt.

ALSO in einem Zug ruhig und entspannt lesen, keine Ahnung woher ich diese fixe Idee hatte. Ich dachte an den Satz: „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“. Ich möchte mehr wissen und frage die KI. „Hier ist die berühmte Stelle aus 'Urians Reise um die Welt“ von Matthias Claudius im Original:  'Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen; drum nahm ich meinen Stock und Hut und tät das Reisen wählen'. Die Figur Urian zieht in die Welt hinaus, um Erfahrungen zu sammeln.

Auf seiner Reise begegnet er unterschiedlichsten Menschen, Sitten und Lebensweisen. Dabei stellt sich heraus: Die Welt ist vielfältig – aber menschliche Schwächen und Eigenheiten ähneln sich oft überall. Vieles, was fremd erscheint, ist bei näherem Hinsehen gar nicht so anders. Am Ende relativiert sich der Eindruck des „Exotischen“ – und auch der Reisende selbst wird ein Stück weit entzaubert.

Ich werde nachdenklich, beobachte die Menschen im Zug, kaum jemand registriert diese wundervolle Landschaft, durch die wir fahren bei strahlendem Sonnenschein. Sehr viele sind vertieft in ihrem Blick auf das Handy, Social Media ist schon eine besondere Welt. RuckZuck bist du drin in der Schublade oder besser in the BOX – das ist das umgangssprachliche Wort dazu. Denn was man sieht, ist selten Zufall – es ist eher eine Mischung aus dem, was man gesucht, geklickt oder angeschaut hat. Und plötzlich bekommt man genau das wieder serviert. Immer passender, immer vertrauter.

Man könnte fast sagen: Die Welt wird einem maßgeschneidert geliefert – nur eben nicht unbedingt die ganze Welt, sondern die Version, die gut ins eigene Muster passt. Und während man noch denkt, man scrollt frei durch Inhalte, sitzt man vielleicht längst gemütlich in seiner eigenen kleinen digitalen Schachtel. Mit perfekter Aussicht… aber eben nur in eine Richtung.

Entscheidend ist, wie man reist. Man kann um die halbe Welt ziehen und trotzdem innerlich am gleichen Fleck bleiben. Ohne Neugier, Selbstreflexion und die Bereitschaft, sich aufwühlen zu lassen, wird aus der Erfahrung schnell nur Konsum: neue Orte, neue Fotos, aber keine echte Veränderung. Seneca vertrat die Ansicht, dass Reisen allein keine inneren Probleme lösen kann, solange man seinen eigenen Geisteszustand nicht ändert. Sorgen durch einen Ortswechsel zu entfliehen, sind zum Scheitern verurteilt, da man sich selbst überallhin mitnimmt.

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