
Eine Strombilanz ohne System, ohne Kosten, ohne Ehrlichkeit
Von David Cohnen
2025 https://www.focus.de/earth/analyse/die-grosse-strombilanz-fuer-2025-und-ploetzlich-ist-deutschland-in-einer-neuen-aera_3895ecfb-cf5b-4007-9374-757c66563c9b.html : Und plötzlich ist Deutschland in einer neuen Ära" vermittelt den Eindruck, Deutschland habe mit dem steigenden Anteil von Wind- und Solarenergie einen energiepolitischen Wendepunkt erreicht. Der Text stützt sich auf Daten des Fraunhofer-Instituts und ist in der reinen Beschreibung von Erzeugungsmengen in Teilen korrekt. Gerade diese statistische Präzision verleiht dem Beitrag jedoch eine Autorität, die er in der Gesamtbewertung nicht verdient.
Auffällig ist dabei die argumentative Methode des Beitrags. Der Leser wird mit einer Vielzahl von Diagrammen, Grafiken und Verweisen auf das Fraunhofer-Institut konfrontiert, die eine technische Unangreifbarkeit suggerieren. Dieses Vorgehen ist aus dem Fernsehen bestens bekannt: Wenn Inhalte nicht diskutiert, sondern akzeptiert werden sollen, wird Autorität vorgeschoben - dort der "Professor" oder die "Expertin", hier das renommierte Institut. Die präsentierten Daten werden dadurch nicht eingeordnet oder kritisch hinterfragt, sondern fungieren als Überzeugungsinstrument. Nicht das Argument soll tragen, sondern der Absender.
Denn der Artikel bleibt an der Oberfläche der Zahlen stehen - und zieht aus ihnen politische und systemische Schlussfolgerungen, die sie nicht hergeben.
- Politische Zielerfüllung ist kein Beweis für Sinnhaftigkeit
Der FOCUS-Beitrag bewertet die Entwicklung implizit positiv, weil sie den offiziell formulierten Klimazielen Deutschlands entspricht. Dabei wird jedoch übersehen, dass diese Ziele zu keinem Zeitpunkt das Ergebnis eines klar erkennbaren gesellschaftlichen oder parlamentarischen Mehrheitswillens waren.
Hinzu kommt, dass selbst die jeweiligen Regierungskoalitionen keinen verlässlichen Ausdruck eines mehrheitlichen Wählerwillens darstellten, sondern primär das Resultat arithmetischer Mehrheitsbildung im parlamentarischen System waren.
Die zentralen energiepolitischen Weichenstellungen der vergangenen Jahre kamen folglich nicht durch eindeutige Mehrheitsentscheidungen zustande, sondern durch Kompromisse innerhalb von Koalitionen - häufig unter erheblichem innerkoalitionärem Dissens. Weder in früheren Großen Koalitionen noch in der aktuellen und der vorherigen Ampel-Regierung bestand Einigkeit über Reichweite, Tempo und Konsequenzen der Energiepolitik.
Von einer demokratisch klar legitimierten Mehrheitsentscheidung kann daher nicht gesprochen werden. Die Politik der weitgehenden Dekarbonisierung und umfassenden Elektrifizierung wurde nicht beschlossen, weil sie mehrheitsfähig war, sondern weil sie als Bestandteil komplexer Regierungspakete politisch durchgesetzt wurde.
- Stromerzeugung wird als Ersatz für Versorgungssicherheit verkauft
Der zentrale Denkfehler des Aufsatzes liegt in der fortgesetzten Gleichsetzung von Stromerzeugung mit Stromversorgung. Der hohe Anteil erneuerbarer Energien an der Jahresproduktion sagt nahezu nichts darüber aus, wie viel dieses Stroms zeitgleich in Deutschland genutzt werden kann.
Ein erheblicher Teil der erneuerbaren Stromproduktion fällt zu Zeiten an, in denen er:
- nicht benötigt wird,
- nicht gespeichert werden kann,
- oder nicht ins Netz passt.
Dieser Strom wird exportiert, abgeregelt oder zu negativen Preisen abgegeben. Gleichzeitig muss Deutschland in Zeiten geringer Wind- und Solarleistung auf fossile Kraftwerke und Stromimporte zurückgreifen. Die angebliche "neue Ära" existiert somit nur in der Jahresstatistik - nicht im realen Betrieb des Stromsystems.
- Deutschland lebt von der Stabilität anderer - und nennt es Fortschritt
Besonders schwer wiegt, dass der Artikel die europäische Dimension verharmlost. Deutschlands Stromversorgung ist heute nur deshalb stabil, weil andere Länder weiterhin über gesicherte Leistung verfügen: Kernkraft in Frankreich, Wasserkraft in Skandinavien, fossile Reservekapazitäten in Osteuropa.
Deutschland exportiert bei Überfluss Volatilität und importiert bei Mangel Stabilität. Dieses Modell funktioniert nur unter einer Bedingung: dass andere Länder einen anderen energiepolitischen Weg gehen. Würde der deutsche Ansatz - der gleichzeitige Verzicht auf Kohle, Kernkraft und gesicherte fossile Leistung bei vollständiger Elektrifizierung - europaweit übernommen, wäre die Versorgungssicherheit akut gefährdet.
Der deutsche Weg ist kein Vorbild, sondern ein Sonderfall - und zwar einer, der nur funktioniert, solange er ein Sonderfall bleibt.
- Die große Leerstelle: Wer bezahlt das alles?
Vollständig ausgeblendet bleibt die Kostenfrage. Der massive Umbau des Energiesystems bedeutet:
- Netzausbau in bislang unbekanntem Umfang,
- Speicher, deren technologische und wirtschaftliche Skalierung ungeklärt ist,
- dauerhafte Reservekapazitäten für Zeiten ohne Wind und Sonne,
- vollständige Elektrifizierung von Verkehr, Wärme und Industrie.
Die Kosten hierfür bewegen sich in Größenordnungen, die nicht nur Haushalte, sondern die industrielle Substanz des Landes betreffen. Man kann energiepolitisch nahezu alles beschließen - die entscheidende Frage ist, ob man es dauerhaft bezahlen kann, ohne Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit und soziale Stabilität zu zerstören. Diese Frage stellt der FOCUS-Artikel nicht - vermutlich, weil sie das gesamte Narrativ ins Wanken brächte.
- Fazit
Der FOCUS-Beitrag beschreibt Zahlen, aber kein System. Er misst Kilowattstunden, aber nicht Stabilität. Er feiert politische Zielerfüllung, ohne deren Preis, Risiken und Abhängigkeiten offenzulegen. Die beschworene "neue Ära" existiert nur in der Statistik - nicht in der physikalischen, ökonomischen und systemischen Realität.
Eine Energiepolitik, die nur funktioniert, weil andere Länder die Stabilität liefern, die man selbst abgeschafft hat, ist kein Fortschritt - sondern eine ausgelagerte Verantwortung.
Ein Modell, das zusammenbricht, sobald es alle übernehmen, ist kein Zukunftsmodell.
