Kulturelle Selbstverständlichkeit oder Eingriff in körpereigenes Klimasystem?
Von David Cohnen
In diesem Sommer ist eine Aussage in Rundfunk, Fernsehen und Presse immer wieder zu hören: Alten- und Pflegeheime müssten besser gegen die Hitze geschützt werden; vielerorts fehlten insbesondere Ventilatoren oder es gebe nicht genügend davon. Tatsächlich werden Ventilatoren in Berichten über den Umgang von Pflegeheimen mit hohen Temperaturen ausdrücklich als eine der Maßnahmen genannt, mit denen man die Bewohner vor der Hitze schützen will.
Die Selbstverständlichkeit dieser Forderung verdient jedoch eine genauere Betrachtung. Nicht anhand einer medizinischen Studie und nicht anhand einer allgemein anerkannten Lehrmeinung, sondern zunächst ausschließlich anhand der Logik.
Denn der menschliche Körper verfügt bereits über ein eigenes Klimasystem.
Die folgende Argumentation ist keine medizinische Behauptung, sondern eine logische Hypothese, die sich aus den zugrunde gelegten Annahmen ergibt. Sie erhebt zunächst keinen Anspruch darauf, bereits wissenschaftlich bewiesen zu sein. Ihre Berechtigung besteht vielmehr darin, dass sie logisch nachvollziehbar ist und deshalb anschließend empirisch überprüft werden sollte.
Das körpereigene Klimasystem
Steigt die Körpertemperatur, reagiert der Körper darauf. Eine seiner wichtigsten Reaktionen ist die Schweißproduktion. Der Schweiß gelangt auf die Haut und verdunstet. Bei dieser Verdunstung wird Wärme abgeführt und der Körper dadurch gekühlt.
Steigt die Wärmebelastung weiter an – sei es durch eine höhere Umgebungstemperatur oder durch körperliche Anstrengung –, steigt auch die Schweißproduktion.
Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches und schon gar kein Versagen des Körpers.
Der Körper macht genau das, wofür sein eigenes Klimasystem eingerichtet ist:
Wärmebelastung → Schweißproduktion → Verdunstung → Wärmeabgabe.
Interessant wird die Sache erst dann, wenn der Mensch in diesen Regelkreis eingreift.
Was macht der Ventilator?
Ein Ventilator erzeugt einen Luftstrom über der Haut. Dieser Luftstrom beschleunigt die Verdunstung des vorhandenen Schweißes.
Das kann sich unmittelbar angenehm anfühlen. Die Haut fühlt sich kühler an. Der Mensch empfindet deshalb: Der Ventilator kühlt mich.
Doch hier beginnt möglicherweise eine Verwechslung.
Denn die Wärmebelastung, die den Körper überhaupt erst zum Schwitzen veranlasst hat, ist damit nicht verschwunden. Der Schweiß wird lediglich schneller verdunstet.
Damit lautet die logische Kette:
Ventilator → schnellere Verdunstung → schnellere Beseitigung des Schweißes von der Haut → der Körper muss bei fortbestehender Wärmebelastung erneut Schweiß bereitstellen → verstärkte beziehungsweise länger andauernde Schweißproduktion.
Der entscheidende Punkt ist deshalb: Der Ventilator beseitigt nicht die Notwendigkeit der körpereigenen Kühlung. Er greift in deren Ablauf ein.
Das angenehme Gefühl auf der Haut kann deshalb leicht mit einer allgemeinen Entlastung des Körpers verwechselt werden.
Der Mensch bemerkt sein eigenes Schwitzen oft gar nicht
Ein Beispiel aus dem Radsport macht diesen Unterschied besonders deutlich.
Ein Radrennfahrer kann während einer mehrstündigen Fahrt große Mengen Flüssigkeit trinken, ohne anschließend entsprechend häufig zur Toilette gehen zu müssen. Die logische Frage lautet: Wo bleibt diese Flüssigkeit?
Ein erheblicher Teil wird über die Haut abgegeben.
Der Radfahrer bemerkt das jedoch häufig kaum. Während der Fahrt sorgt der Fahrtwind dafür, dass der Schweiß sehr schnell verdunstet. Moderne Sportkleidung unterstützt zusätzlich den Abtransport der Feuchtigkeit.
Der Fahrer kann deshalb den Eindruck haben, kaum zu schwitzen.
Dann kommt eine rote Ampel.
Das Fahrrad steht plötzlich still. Die bisher erzeugte Luftbewegung fällt weg. Der Schweiß sammelt sich auf der Haut. Innerhalb kurzer Zeit ist der Radfahrer am ganzen Körper nass. Selbst auf der Fahrradbrille kann sich eine sichtbare Feuchtigkeitsschicht bilden.
Was hat sich verändert?
Nicht die grundsätzliche Tatsache, dass der Körper schwitzt. Verändert hat sich vor allem die Geschwindigkeit der Verdunstung und damit die Wahrnehmbarkeit des Schweißes.
Das Beispiel zeigt deshalb etwas Grundsätzliches:
Man kann erheblich schwitzen, ohne sich überhaupt als „verschwitzt“ wahrzunehmen.
Das subjektive Empfinden ist also nicht identisch mit dem tatsächlichen körperlichen Vorgang.
Das kulturelle Problem des Schwitzens
Damit kommen wir zu einer zweiten Ebene.
Der Mensch empfindet Schweiß häufig als unangenehm. Er möchte ihn abwischen, abwaschen oder möglichst gar nicht erst sichtbar werden lassen.
Aber warum eigentlich?
Schweiß ist zunächst einfach eine natürliche körperliche Erscheinung. Der Körper wird warm und produziert Schweiß. Mehr geschieht zunächst nicht.
Das unangenehme Gefühl entsteht durch die menschliche Bewertung dieses Vorgangs.
Auch die Wahrnehmung von Körpergeruch zeigt, dass Geruch und Bewertung nicht dasselbe sind. Ein fremder Körpergeruch kann als unangenehm empfunden werden, während der Körpergeruch eines nahestehenden Menschen häufig wesentlich weniger störend wirkt.
Daraus ergibt sich zumindest logisch die Möglichkeit, dass nicht der Schweiß an sich das eigentliche Problem darstellt, sondern die kulturelle und persönliche Bewertung des Schwitzens.
Der Mensch hat gelernt:
Schwitzen ist unangenehm.
Also muss etwas dagegen unternommen werden.
Der Ventilator passt perfekt in diese kulturelle Vorstellung. Er erzeugt einen spürbaren Luftstrom. Man fühlt sofort eine Veränderung. Die Haut fühlt sich angenehmer an. Man hat etwas gegen die Hitze „getan“.
Der Ventilator besitzt damit eine kulturhistorisch verständliche Funktion.
Aber genau diese Selbstverständlichkeit könnte dazu führen, dass seine tatsächliche Wirkung auf den körpereigenen Regelkreis gar nicht mehr hinterfragt wird.
Die entscheidende Frage bei alten und kreislaufschwachen Menschen
Nun wird die Frage besonders wichtig, wenn es um Menschen geht, deren körperliche Reserven bereits gering sind.
Betrachten wir zunächst den natürlichen Vorgang.
Ein älterer Mensch sitzt oder liegt ruhig in einem warmen Raum. Sein Körper wird warm. Er beginnt zu schwitzen. Die Schweißverdunstung führt Wärme ab. Der Körper reguliert seine Temperatur mit seinem eigenen System.
Dann wird ein Ventilator auf den Menschen gerichtet.
Der vorhandene Schweiß verdunstet schneller.
Wenn die Wärmebelastung weiterhin besteht, muss der Körper nach unserer logischen Ausgangsannahme erneut beziehungsweise verstärkt Schweiß bereitstellen. Die Schweißproduktion wird also nicht überflüssig, sondern kann gerade durch die beschleunigte Verdunstung weiter angeregt werden.
Damit steigt der Flüssigkeitsverlust.
Und damit steigt zugleich die Beanspruchung des körpereigenen Regelvorgangs.
Bei einem Menschen mit großen körperlichen Reserven mag eine solche zusätzliche Beanspruchung verkraftbar sein. Bei einem Menschen mit nur noch geringen Reserven ist die logische Situation eine andere.
Je länger der Vorgang anhält, desto größer wird die zusätzliche Beanspruchung:
Minuten → Stunden → Tage → Wochen.
Was kurzfristig kaum auffällt, kann sich bei dauerhafter Wiederholung zu einer erheblichen zusätzlichen Belastung summieren.
Wenn die vorhandenen körperlichen Reserven bereits weitgehend ausgeschöpft sind, kann die zusätzliche Beanspruchung diese Reserven überschreiten.
Und damit ergibt sich als äußerster logischer Grenzfall:
Überschreitung der körperlichen Reserven → Zusammenbruch der Regulation → Lebensgefahr.
In einem solchen Extremfall kann der Einsatz eines Ventilators nicht nur wirkungslos, sondern sogar tödlich sein.
Das ist ausdrücklich keine Behauptung darüber, dass jeder Ventilator bei jedem alten Menschen zum Tod führt. Es ist die logische Konsequenz unseres Gedankenmodells für den Fall, dass die zusätzliche Beanspruchung die noch vorhandenen körperlichen Reserven überschreitet.
Der Denkfehler der gefühlten Kühlung
Damit kommen wir zum Kern der Überlegung.
Der Mensch fühlt den Luftstrom und empfindet ihn als Kühlung.
Doch gefühlte Kühlung und Entlastung des körpereigenen Klimasystems sind nicht dasselbe.
Der Radrennfahrer liefert dafür ein anschauliches Beispiel. Während der Fahrt fühlt er sich vergleichsweise trocken, obwohl sein Körper große Mengen Flüssigkeit über die Haut abgibt. Erst beim Stillstand wird sichtbar, wie viel Schweiß tatsächlich produziert wurde.
Das subjektive Gefühl „Ich schwitze kaum“ kann also mit einer erheblichen Schweißproduktion gleichzeitig bestehen.
Übertragen auf den Ventilator bedeutet das:
Das angenehme Gefühl des Luftstroms beweist nicht, dass der Körper insgesamt weniger leisten muss.
Im Gegenteil: Wenn die Wärmebelastung bestehen bleibt und der Luftstrom die Verdunstung beschleunigt, kann der körpereigene Regelkreis gerade dadurch zu einer verstärkten oder länger andauernden Schweißproduktion veranlasst werden.
Damit wird ausgerechnet das, was der Mensch als „Kühlung“ empfindet, zu einer möglichen zusätzlichen Beanspruchung des körpereigenen Klimasystems.
Eine Frage, die wissenschaftlich untersucht werden sollte
Damit soll keine medizinische Erkenntnis ersetzt werden.
Die umgekehrte Forderung ist vielmehr angebracht: Diese logische Überlegung sollte wissenschaftlich überprüft werden.
Denn die verbreitete Aussage
„Es ist heiß, deshalb brauchen alte Menschen Ventilatoren“
erscheint zunächst selbstverständlich.
Sie ist es aber nur dann, wenn man die subjektiv empfundene Kühlung mit einer tatsächlichen Entlastung des Körpers gleichsetzt.
Genau diese Gleichsetzung ist der Punkt, den die vorliegende Überlegung infrage stellt.
Der menschliche Körper besitzt ein eigenes Klimasystem. Dieses System reagiert auf Wärme mit Schweißproduktion und Verdunstung. Wird die Verdunstung künstlich beschleunigt, verschwindet die Wärmebelastung nicht. Der Körper muss weiterhin auf sie reagieren.
Deshalb lautet die entscheidende Frage nicht:
„Fühlt sich der Luftstrom kühl an?“
Das tut er.
Die entscheidende Frage lautet:
„Entlastet der Ventilator unter den hier betrachteten Bedingungen tatsächlich das körpereigene Klimasystem – oder beschleunigt er lediglich einen Vorgang, auf den der Körper anschließend mit einer verstärkten eigenen Leistung reagieren muss?“
Aus der hier vorgenommenen rein logischen Betrachtung ergibt sich darauf eine klare Hypothese:
Der Ventilator ist möglicherweise vor allem ein kulturell akzeptiertes Mittel gegen das unangenehme Gefühl des Schwitzens. Physiologisch könnte er bei längerem Einsatz jedoch genau den Regelkreis verstärken, den der Mensch eigentlich entlasten möchte.
Und wenn diese Überlegung zutrifft, wäre die Forderung nach „mehr Ventilatoren“ gerade dort besonders kritisch zu hinterfragen, wo Menschen über die geringsten körperlichen Reserven verfügen.
Der Ventilator wäre dann kulturhistorisch verständlich – aber möglicherweise physiologisch ein Irrweg.
Genau diese Möglichkeit sollte nicht durch die Selbstverständlichkeit der bisherigen Praxis erledigt werden. Sie sollte untersucht werden.
