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OFFENER BRIEF AN DAS ZDF

Hat das ZDF seine eigenen Sendungen eigentlich selbst gesehen?

Von David Cohnen

Montag, 31. August 2026

Hier ist eine persönliche Antwort an das ZDF auf dessen Reaktion auf meinen Aufsatz – und auf die Frage, ob Anspruch und Wirklichkeit im öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch zusammenpassen.

Sehr geehrte Damen und Herren des ZDF,

ich muss gestehen: Ihre Antwort hat mich überrascht.

Nicht nur, weil sie – soweit ich mich erinnere – die erste persönliche Antwort ist, die ich vom ZDF auf eine meiner Zuschriften erhalten habe. Sondern vor allem wegen ihres Inhalts.

Ich hatte Ihnen meinen Aufsatz „Alle Menschen sind vor dem Gesetz nicht gleich“ geschickt. Darin geht es unter anderem um die zunehmende Vermischung von geltendem Recht, persönlicher Rechtsauffassung und medial vermittelter Interpretation.

Ihre Antwort enthält unter anderem folgende Aussage:

„Das ZDF bietet in seinen Informations- und Diskussionssendungen Raum für unterschiedliche politische, gesellschaftliche und rechtliche Einschätzungen.“

Und weiter:

„Unsere Aufgabe besteht darin, relevante Themen und unterschiedliche Perspektiven öffentlich sichtbar zu machen sowie durch Nachfragen und Moderation einen sachgerechten Meinungsaustausch zu ermöglichen.“

Schließlich schreiben Sie:

„Die rechtliche Bewertung einzelner Fragen und die verbindliche Auslegung der geltenden Rechtsordnung obliegen den hierfür zuständigen Institutionen.“

Das sind zunächst einmal vernünftige und nachvollziehbare Aussagen.

Nur drängt sich mir nach dem Blick auf die Sendungen des gestrigen Tages eine ziemlich einfache Frage auf:

Hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine eigenen Sendungen eigentlich selbst gesehen?

Ich formuliere die Frage bewusst nicht ausschließlich an das ZDF. Denn ich kann heute nicht mehr mit letzter Sicherheit sagen, welche der von mir gestern gesehenen Beiträge im ZDF und welche in der ARD ausgestrahlt wurden. Ich halte es deshalb auch nicht für sinnvoll, im Nachhinein einzelne Beiträge einem bestimmten Sender zuzuordnen, wenn ich dies nicht mehr zuverlässig kann.

Aber muss man diese Unterscheidung bei dem von mir angesprochenen Problem überhaupt in den Vordergrund stellen?

ZDF und ARD sind selbstverständlich unterschiedliche Rundfunkanstalten. Bei meiner Kritik geht es jedoch nicht um ihre Organisationsstruktur, sondern um ein journalistisches Muster, das ich in beiden Programmen seit längerer Zeit wahrnehme und das sich auch gestern wieder gezeigt hat.

Die politische Berichterstattung und Diskussion gingen auffallend einseitig in eine Richtung. Argumente, die dieser politischen Richtung widersprachen, wurden nicht etwa gleichwertig dargestellt und anschließend dem Urteil des Zuschauers überlassen. Sie wurden vielmehr vielfach bereits bei ihrer Darstellung eingeordnet, relativiert oder bewertet – oder sie fanden schlicht nicht statt.

Gerade hier zeigt sich ein grundlegendes Problem:

Die Opposition sollte ihre politischen Positionen nicht weniger deutlich äußern können als die Regierung. Im Gegenteil.

Ihre besondere demokratische Aufgabe besteht gerade darin, Regierungshandeln zu kritisieren, andere politische Vorstellungen entgegenzusetzen und auf Widersprüche und Fehlentwicklungen hinzuweisen.

Wenn die Regierung ihre Position ausführlich darlegen kann, während die Gegenposition verkürzt, relativiert, problematisiert oder gar nicht erst zur Sprache gebracht wird, entsteht kein ausgewogener Meinungsaustausch.

Dann wird politische Macht durch mediale Deutungsmacht ergänzt.

Die Opposition braucht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht mehr Rechte als die Regierung. Sie braucht aber mindestens denselben Raum für ihre Argumente. Und dort, wo sie die Regierung kontrollieren soll, muss sie ihre Kritik sogar besonders deutlich vortragen können.

Das ist keine Forderung nach einer besonderen Behandlung einer bestimmten Partei. Es ist ein demokratisches Prinzip, das unabhängig davon gelten muss, welche Partei gerade Regierung oder Opposition ist.

Denn der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat nicht die Aufgabe, der Regierung die politische Deutungshoheit zu sichern. Er hat die Aufgabe, den Bürgern die Informationen und unterschiedlichen Argumente zu vermitteln, die sie benötigen, um sich selbst ein Urteil zu bilden.

Nachricht und Meinung

Das Problem beschränkt sich dabei nicht auf klassische politische Diskussionssendungen.

Auch in Nachrichtenformaten werden Tatsachen und Bewertungen zunehmend miteinander vermischt. Eine Nachricht sollte dem Zuschauer zunächst ermöglichen zu erfahren, was geschehen ist. Die politische oder gesellschaftliche Bewertung dieses Geschehens kann anschließend erfolgen – muss dann aber als Bewertung erkennbar bleiben.

Wenn hingegen bereits die Auswahl der Informationen, ihre sprachliche Darstellung und ihre Einordnung eine bestimmte politische Interpretation nahelegen, wird die Grenze zwischen Nachricht und Meinung unscharf.

Und genau das ist besonders problematisch bei einem Rundfunk, der einen öffentlich-rechtlichen Auftrag erfüllt und deshalb einen besonderen Anspruch an ausgewogene und sachgerechte Information hat.

Wenn sogar der Sport politisch wird

Meine Beobachtung beschränkt sich übrigens nicht auf politische Sendungen.

Am gestrigen Tag wurde in der „Sportschau“ nach meiner Wahrnehmung sogar ein sportliches Thema in einer Weise politisch aufgeladen, die mit dem eigentlichen Sportgeschehen kaum noch etwas zu tun hatte.

Welcher öffentlich-rechtliche Sender die von mir gesehene „Sportschau“ ausgestrahlt hat, weiß ich heute nicht mehr sicher. Das ist für meine Kritik allerdings auch nicht entscheidend.

Denn gerade dieses Beispiel zeigt, wie weit die politische Einordnung inzwischen reichen kann.

Wenn selbst der Sport dazu benutzt wird, politische Geschütze gegen eine bestimmte politische Richtung in Stellung zu bringen, dann sollte darüber gesprochen werden.

Denn dann geht es nicht mehr nur um die Auswahl und Gewichtung politischer Nachrichten.

Dann wird versucht, nahezu jeden gesellschaftlichen Bereich politisch zu interpretieren.

Und wieder sind wir bei der AfD

Besonders auffällig ist dies derzeit im Umgang mit der AfD.

Man muss die AfD nicht mögen. Man muss ihre politischen Positionen nicht teilen. Man kann sie kritisieren – selbstverständlich.

Aber eine Partei, die bei Wahlen erhebliche Zustimmung erhält und im Deutschen Bundestag vertreten ist, verschwindet nicht dadurch aus der politischen Realität, dass ihre Erfolge überwiegend problematisiert oder ihre politischen Positionen vorwiegend unter dem Gesichtspunkt ihrer Ablehnung betrachtet werden.

Gerade die Opposition muss ihre Positionen deutlich formulieren und die Regierung deutlich kritisieren können. Das ist kein Privileg der AfD, sondern eine elementare Funktion parlamentarischer Demokratie.

Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk allerdings den Eindruck vermittelt, seine Aufgabe bestehe darin, bestimmte politische Entwicklungen zu verhindern oder ihnen entgegenzuwirken, wäre das keine neutrale Information mehr.

Dann sollte man das allerdings auch offen sagen.

Was ich für problematisch halte, ist etwas anderes:

politische Bewertung als sachliche Information erscheinen zu lassen.

Genau dagegen richtet sich mein Aufsatz.

Das ZDF hat mir selbst den entscheidenden Satz geliefert

Und damit schließt sich der Kreis.

Das ZDF schreibt mir:

„Die rechtliche Bewertung einzelner Fragen und die verbindliche Auslegung der geltenden Rechtsordnung obliegen den hierfür zuständigen Institutionen.“

Ich stimme diesem Satz zu.

Aber dann gilt er auch für die politische Berichterstattung des ZDF – und nach meinem Verständnis für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk insgesamt.

Eine juristische Einschätzung ist keine verbindliche Rechtsnorm.

Eine politische Bewertung ist keine Tatsache.

Eine journalistische Einordnung ist kein Gerichtsurteil.

Und eine oft wiederholte Auffassung wird nicht allein durch ihre mediale Verbreitung zur gesellschaftlichen oder rechtlichen Norm.

Das ist der Kern meines Aufsatzes.

Und deshalb frage ich das ZDF:

Misst es seine eigene Berichterstattung eigentlich an denselben Maßstäben, die es seinen Zuschauern gegenüber formuliert?

Wenn das ZDF tatsächlich unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen und einen sachgerechten Meinungsaustausch ermöglichen will, dann sollte sich dieser Anspruch nicht nur in einzelnen Sätzen des Zuschauerservice wiederfinden.

Er sollte in den Sendungen selbst erkennbar sein.

Denn gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk besitzt eine enorme Macht darüber, welche Auffassungen sichtbar werden, wie sie eingeordnet werden und welchen Eindruck sie beim Publikum hinterlassen.

Diese Macht verlangt besondere Zurückhaltung.

Und vor allem verlangt sie eine klare Trennung zwischen dem, was gilt, dem, was jemand behauptet, und dem, was der Sender selbst daraus macht.

Darüber sollte das ZDF nachdenken.

Nicht nur wegen meines Aufsatzes.

Sondern im eigenen Interesse.

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