Was nützt künstliche Intelligenz, wenn sie von niemandem benutzt wird?
Von David Cohnen
Ein Journalist glaubte kürzlich, anhand bestimmter sprachlicher Merkmale feststellen zu können, ob ein Text mit künstlicher Intelligenz erstellt worden sei. Als Indizien nannte er vor allem wiederkehrende Formulierungen und bestimmte Satzmuster. Am Ende seiner Untersuchung räumte er allerdings ein, dass er sich auch irren könne.
Nach genauerer Betrachtung muss diese Einschränkung korrigiert werden. Der Journalist hatte mit seiner Beobachtung durchaus recht. Er hat lediglich die Ursache des Phänomens falsch zugeordnet.
Die von ihm beschriebenen sprachlichen Muster sind tatsächlich vorhanden. Nur ihre Herkunft ist eine andere, als er vermutet hat.
Die entscheidende Erkenntnis besteht aber darin, dass sich die gleich bleibenden Formulierungen auf vollkommen anderem Wege entwickelt haben. Sie haben den Weg in die menschliche Kommunikation gefunden. Wann dieser Vorgang genau begonnen hat, lässt sich derzeit nicht mehr eindeutig feststellen. Es gibt jedoch deutliche Hinweise darauf, dass die Infektion zunächst in besonders empfänglichen Bevölkerungsgruppen eingesetzt hat.
Zur Bestimmung des Infektionsgrades wurde inzwischen eine geeignete Maßeinheit entwickelt: die Gans.
Die Gans ist eine sprachwissenschaftliche Einheit zur Messung von Übertreibung und Verstärkung. Ein nicht infizierter Sprecher sagt beispielsweise: „Ich habe einen Baum gepflanzt.“ Bei einer leichten Infektion heißt es bereits: „Ich habe einen ganz schönen Baum gepflanzt.“ Das entspricht einer Gans.
Bei zwei Gänsen lautet der Satz: „Ich habe einen ganz ganz schönen Baum gepflanzt.“ Bei drei Gänsen wird daraus ein „ganz ganz ganz schöner Baum“. Die Gänsedichte lässt sich grundsätzlich beliebig erhöhen.
Besonders interessant sind Kombinationen aus Gänsen und bereits übersteigerten Begriffen. Eine bekannte Talkmasterin sprach einmal von etwas, das „essenziell wichtig“ sei. Nach den inzwischen gewonnenen Erkenntnissen war damit allerdings noch nicht die höchste erreichbare Stufe erreicht. Fachleute gehen davon aus, dass „ganz ganz essenziell wichtig“ dem tatsächlichen Zustand näher gekommen wäre.
Ein bekannter ehemaliger Sportler, der inzwischen als Sportmoderator tätig ist, soll in einer Sendung vier Gänse verwendet haben. Andere Beobachter sprechen sogar von fünf. Die Wissenschaft bezeichnet solche Fälle inzwischen als akute Gänserei.
Die Frage, wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte, ist noch nicht abschließend geklärt. Eine bislang nicht widerlegte Theorie führt die Entwicklung auf Bill Gates zurück, der möglicherweise von Barack Obama dazu bewegt wurde, sich stärker mit künstlicher Intelligenz zu beschäftigen. Andere Untersuchungen nennen Al Gore, George Bush oder Ronald Reagan. Auch eine russische Beteiligung konnte bisher nicht mit letzter Sicherheit ausgeschlossen werden.
Das eigentliche Problem war offenbar schnell erkannt: Was nützt künstliche Intelligenz, wenn sie von niemandem benutzt wird?
Also wurde versucht, die neue Technologie auf den Menschen zu übertragen. Erste Versuche sollen über Kaffee durchgeführt worden sein. Später kamen eine weltweit verbreitete Limonade, deren Name mit C beginnt und mit A endet, sowie Marshmallows hinzu.
Bei der Übertragung muss allerdings etwas schiefgelaufen sein. Was genau geschah, konnte trotz intensiver Untersuchungen bis heute nicht rekonstruiert werden. Fest steht lediglich, dass bei allen Menschen nicht die erwartete Intelligenz ankam. Stattdessen entwickelte sich etwas anderes.
Die Forscher bemerkten den Unterschied zunächst offenbar nicht. Erst später zeigte sich, dass die Versuchspersonen zwar keine Intelligenz entwickelt hatten, dafür aber offenbar mit einem neuartigen sprachlichen Virus infiziert worden waren. Dieses äußerte sich durch eine auffällige Neigung zu immer gleichen Formulierungen, sprachlichen Verstärkungen und standardisierten Reaktionen.
Der Journalist hat wie auch die anderen Akteure von Anfang an diesen kleinen, aber entscheidenden Unterschied offenbar übersehen.
Besonders erfolgreich verliefen die frühen Feldversuche bei den Grünen.
Dort entwickelte sich eine bemerkenswerte sprachliche Anpassungsfähigkeit. Ein einfaches Problem wurde zur „Herausforderung“, eine Veränderung zur „Transformation“ und ein politisches Ziel zur „Zukunftsfähigkeit“. Hinzu kamen Begriffe wie „Nachhaltigkeit“, „Resilienz“, „gesellschaftlicher Zusammenhalt“ und „Klimaneutralität“.
Die Bedeutung dieser Begriffe ist dabei von untergeordneter Bedeutung. Entscheidend ist ihre Funktion. Sie verleihen einem Satz den Eindruck technischer oder wissenschaftlicher Notwendigkeit, selbst wenn es sich tatsächlich um eine politische Entscheidung handelt.
Die Grünen erwiesen sich damit als besonders geeignetes Versuchsfeld.
Die weitere Ausbreitung konnte anschließend kaum noch verhindert werden. Nach den Grünen wurden auch die Linken erfasst, danach die SPD und später weitere politische Gruppen. Inzwischen ist die Infektion offenbar so weit fortgeschritten, dass sich in bestimmten Bereichen kaum noch zwischen individueller Formulierung und standardisierter Sprache unterscheiden lässt.
Besonders gut lässt sich dieser Vorgang anhand einiger häufig verwendeter Begriffe verfolgen.
„Herausforderung“ ersetzt zunehmend das Wort „Problem“. Das hat den Vorteil, dass ein Problem nicht mehr gelöst werden muss. Man kann es bewältigen, gestalten oder gemeinsam angehen. „Nachhaltig“ eignet sich für nahezu jede politische Maßnahme. „Transformation“ verwandelt jede Veränderung in einen historischen Prozess. „Zukunftsfähig“ klingt positiv, ohne eine konkrete Aussage darüber treffen zu müssen, wie diese Zukunft eigentlich aussehen soll.
"Resilienz“ schließlich ist besonders praktisch, weil man damit Widerstandsfähigkeit bezeichnen kann, ohne noch das etwas altmodische deutsche Wort „Anpassungsfähigkeit“ verwenden zu müssen. Dass viele Menschen mit dem Begriff Resilienz nichts anfangen können, unterstreicht zusätzlich seine besondere Eignung für die gehobene Kommunikation.
Bei fortgeschrittener Infektion treten weitere Begriffe hinzu: „Zeitenwende“, „Brandmauer“ und „Narrativ“. Sie ermöglichen es dem Sprecher, komplizierte politische Zusammenhänge mit einem einzigen Wort zu kennzeichnen.
Eine besondere diagnostische Bedeutung besitzen die Wörter „populistisch“ und „Nazi“. Sie werden vorzugsweise dann beobachtet, wenn die sprachlichen Möglichkeiten zur inhaltlichen Auseinandersetzung erschöpft sind. Der Begriff „Klimawandel“ besitzt dagegen eine universellere Einsatzmöglichkeit.
Auch die Formulierung „unsere Vergangenheit“ zeigt häufig eine fortgeschrittene Infektion. Sie ermöglicht es, auf einen moralisch aufgeladenen historischen Zusammenhang hinzuweisen, ohne genau benennen zu müssen, welcher Zusammenhang eigentlich gemeint ist.
Eine besondere Funktion bei den Grünen hat die sogenannte vorauseilende Beschuldigungsfunktion. Sie ermöglicht es, politische Gegner bereits anzugreifen, noch bevor diese überhaupt etwas gesagt haben. Das bloße Auftreten der Grünen kann deshalb beim politischen Gegenüber eine gewisse Unruhe auslösen, weil nie sicher ist, welcher Vorwurf bereits vorbereitet wurde, bevor man selbst zu Wort gekommen ist.
Ein besonders interessantes Untersuchungsgebiet stellt der öffentlich-rechtliche Rundfunk dar. Dort ist die Gänsedichte auffallend hoch, vor allem dann, wenn das Publikum mit eingebunden wird. Dann können Moderator und Publikum ihre sprachlichen Fähigkeiten ungebremst herauslassen. Zu den häufigsten sprachlichen Erscheinungen gehören ... Es könnte sich um standardisierte „KI-Bestätigungen“ handeln.
Besonders auffällig sind dabei Formulierungen wie „ganz genau“, „total super“, „ganz ganz toll“, „ganz ganz mega toll“ und „absolut“. Nach vorläufigen Untersuchungen handelt es sich dabei nicht mehr nur um spontane Äußerungen. Inzwischen hat sich dafür die Bezeichnung „KI-Bestätigungsformeln“ durchgesetzt.
Dabei hat sich ein einfaches technisches Prinzip herausgebildet: Jedes „ganz“ erhöht die Gänsezahl. „Total“ stellt ein zusätzliches Datenpaket dar. „Absolut“ kann als Bestätigung des erfolgreichen Übertragungsvorgangs gewertet werden.
Der Moderator moderiert dann nicht mehr.
Er kompiliert.
Auch im Sport konnte eine eigenständige Form der „KI-Anpassung“ beobachtet werden. Dort scheint die Entwicklung besonders gut an kleinen sprachlichen Pausen erkennbar zu sein. Früher sagte der Sportler an einer Stelle, an der er einen Gedanken noch nicht fertig formuliert hatte, nicht weiter wusste oder schlicht überlegen musste: „öööh“. Inzwischen scheint sich dafür zunehmend das Wort „ja“ oder die Kombination „und ja“ durchzusetzen.
„Und ja, es war heute eine ganz ganz große Herausforderung.“
Der Vorteil liegt auf der Hand. Der Sportler gewinnt damit Zeit zum Nachdenken und kann gleichzeitig den Eindruck vermitteln, bereits eine inhaltlich bedeutsame Aussage getroffen zu haben. Früher musste er „öööh“ sagen. Heute sagt er „ja“ und verfügt damit bereits über eine gewisse sprachliche KI-Unterstützung.
Die Untersuchung zeigt damit, dass sich die KI-Sprache nicht nur durch bestimmte Wörter, sondern auch durch bestimmte sprachliche Funktionen erkennen lässt. Sie überbrückt Denkpausen, ersetzt konkrete Aussagen und erzeugt durch Wiederholung den Eindruck von Bedeutung.
Es sprechen allerdings einige Indizien dafür, dass die Russen bei der missglückten Übertragung der KI-Funktionen ihre Finger im Spiel hatten. Möglicherweise hatten sie versucht, die KI mit Wodka zu übertragen. Untersuchungen haben mit ziemlicher Sicherheit ergeben, dass es dabei zu erheblichen Übertragungsschwierigkeiten kommen kann. Sichtbar wird dies vor allem an den immer wiederkehrenden sprachlichen Hinweisen darauf, dass Russland ab 2029 den Westen angreifen könnte. Allerdings kann auch diese Erklärung nicht als gesichert gelten. Es ist durchaus möglich, dass die Russen die KI-Funktionen absichtlich fehlerhaft übertragen haben.
Da die Russen bekanntlich äußerst hinterlistig sind, hätten sie dem Westen auf diese Weise die Gelegenheit gegeben, bis 2029 kräftig aufzurüsten – und anschließend nach der bewährten Maxime „flexible Response“ zuerst zurückzuschlagen. In Wirklichkeit wollen die Russen möglicherweise überhaupt nicht angreifen. Die Ankündigung für 2029 wäre dann lediglich eine Finte. Ihr eigentlicher Plan wäre damit wesentlich raffinierter: Der Westen rüstet auf, wendet seine Doktrin „Flexible Response“ an und greift die Russen mit einer vorausschauenden Verteidigungsaktion an – und die Russen können anschließend ganz unschuldig erklären:
„Ihr habt angefangen.“
Für die weitere Forschung bietet sich ein standardisiertes Diagnoseverfahren an.
Eine Gans bedeutet leichte sprachliche Verstärkung. Zwei Gänse gelten inzwischen als normale politische Kommunikation. Drei Gänse weisen auf eine deutliche Infektion hin. Vier Gänse entsprechen einer akuten Gänserei. Bei fünf Gänsen ist von einem fortgeschrittenen Stadium auszugehen. Wer dagegen in einem einzigen Satz „Transformation“, „Resilienz“, „Nachhaltigkeit“, „Zukunftsfähigkeit“, „gesellschaftlichen Zusammenhalt“ und „Klimaneutralität“ unterbringt, muss nach gegenwärtigem Forschungsstand als vollständig infiziert betrachtet werden.
Damit lässt sich auch die ursprüngliche Beobachtung des Journalisten erklären.
Er hatte recht. Wiederholungen und standardisierte Formulierungen können tatsächlich ein Hinweis auf KI-Sprache sein. Nur muss man die KI nicht unbedingt im Computer suchen. Die bisherigen Untersuchungen führen zu einem bemerkenswerten Ergebnis. Die sprachlichen Muster, die der Journalist als Hinweis auf künstliche Intelligenz erkannt hat, gibt es tatsächlich. Nur befindet sie sich nicht dort, wo er sie vermutet hat.
Sie sitzt im Menschen.
Wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist, lässt sich nicht mehr eindeutig feststellen. Fest steht jedoch, dass sich die immer gleichen Formulierungen und Sprachmuster weit verbreitet haben. Die Grünen erwiesen sich als besonders empfängliche Versuchspopulation, die SPD folgte, und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk konnte sich die neue Sprachform schließlich nahezu flächendeckend etablieren. Aus heutiger Sicht muss diese Entwicklung allerdings keineswegs als problematisch betrachtet werden. Im Gegenteil: Sie ist als deutlicher Fortschritt zu werten. Die Kommunikation wird vereinheitlicht, die Verständigung erleichtert und der Bedarf an eigenen Formulierungen erheblich reduziert.
Die Forschung wird sich deshalb künftig vor allem mit der weiteren Optimierung der Gänsedichte beschäftigen. Die ganz ganz exorbitant fortschrittliche, nachhaltig resiliente und zukunftsfähige Transformation zur Sicherung des gesellschaftlichen Zusammenhalts ist fünf Gänse essenziell wichtig, ganz ganz toll und alternativlos.
