Der Duft des Beifuß

Die Gipfel des Heubergs lagen im dichten Frühnebel, als der Schamane Kjartan vor seiner Hütte am Rande des Klippenecks stand. In seinen Händen hielt er keinen Stab, sondern eine einfache Schale aus Eschenholz, in der getrockneter Beifuß glimmte.
Das Flüstern der gefrorenen Zeit
Eines Morgens im Spätherbst stellte Kjartan fest, dass die Zeit im Tal der Bära stillzustehen schien. Nicht im übertragenen Sinne – die Vögel hingen wie festgefroren in der Luft, und die Bära war zu einer gläsernen Skulptur erstarrt, obwohl die Sonne warm schien.
Kjartan stieg hinab, seine Stiefel knirschten auf dem Boden, der sich wie Pergament anfühlte. Er erkannte, dass ein „Zeit-Riss“ entstanden war, verursacht durch den Zorn eines alten Erdbistes, der unter dem Heuberg schlief. Mit einem Lied, das tiefer klang als das Grollen der Erde, legte Kjartan seine flache Hand auf den nackten Fels des Lembergs. Er gab der Erde einen Teil seiner eigenen Ruhe ab. Mit einem gewaltigen Seufzer, der wie Donner durch das Tal rollte, setzte sich die Welt wieder in Bewegung. Die Vögel flogen weiter, und das Wasser stürzte tosend herab.

Der Gast aus dem Sternenmeer
In einer klaren Nacht auf dem Dreifaltigkeitsberg bemerkte Kjartan ein Licht, das nicht von den Sternen stammte. Es war ein bläuliches Glimmen, das in den Ruinen der alten Wallanlage tanzte. Als er sich näherte, fand er kein Gespenst, sondern ein Wesen aus reinem Licht, das den Weg zurück in den „Großen Fluss“ am Himmel verloren hatte.
Die Menschen im Dorf unten sahen nur ein seltsames Wetterleuchten, doch Kjartan sprach mit dem Lichtwesen in der Sprache der Stille. Er webte aus den Silberfäden des Mondlichts und dem Tau der Heuberghöhen ein Netz, das als Brücke diente. Mit einem sanften Stoß schickte er den Gast zurück in die Unendlichkeit. Zurück blieb nur ein kleiner, glühender Kieselstein, den Kjartan seither in seinem Beutel trägt – er wird immer dann warm, wenn jemand auf dem Heuberg Hilfe braucht.

