Der Schamane vom Heuberg auf der Südseite des Lebens

Der Heuberg-Schamane Kjartan – im echten Leben als „Wurzel-Sepp“ bekannt – stand am Rande des Southside-Festivals (das von den Einheimischen liebevoll Youside genannt wurde) in Neuhausen ob Eck. Statt wie sonst die Ruhe der Wacholderheiden zu genießen, hatte er eine ganz besondere Mission: Das energetische Gleichgewicht zwischen Rock ’n’ Roll und Naturgeistern wiederherzustellen.
Schon am Einlass zog er alle Blicke auf sich. Zwischen bunt glitzernden Ravern, Metalheads in Kutten und Festivalgängern in Bananenkostümen wirkte er mit seinem traditionellen Hirschleder-Gewand, dem Wanderstab und einer Kette aus getrockneten Ebereschen-Beeren fast schon wieder modern. Die Security-Mitarbeiter untersuchten seine Trommel gründlich auf verbotene Substanzen, fanden aber nur getrockneten Beifuss und ein Glas Heumilch-Salbe. „Gegen den Bass-Kater, Jungs“, raunte der Schamane ihnen zu und schritt erhobenen Hauptes auf das Gelände.
Sein Abenteuer begann auf dem Zeltplatz. Eine Gruppe junger Leute aus Tuttlingen versuchte verzweifelt, einen Einweggrill mit feuchter Kohle zu entzünden. Der Hunger war groß, die Verzweiflung nah. Der Schamane trat schweigend herbei. Er schloss die Augen, spürte den rauen Heuberg-Wind, der über die Startbahn des alten Flugplatzes fegte, und murmelte einen alten Wettersegen. Dann pustete er dreimal sanft in die Glut. Wie durch ein Wunder schossen Flammen empor. Die Camper jubelten, tauften ihn spontan den „Grill-Gott vom Southside“ und boten ihm ein lauwarmes Dosenbier an, das er dankend gegen ein Stück seines selbstgebackenen Dinkelbrots tauschte.
Als der Abend hereinbrach, zog es den Schamanen vor die gewaltige Hauptbühne. Die Bässe dröhnten so tief, dass die Erde vibrierte. Für den Schamanen war das kein Lärm – es war der Herzschlag der Erde, verstärkt durch zehntausend Watt. Er schloss die Augen und begann zu tanzen. Seine Bewegungen, eine Mischung aus traditionellem schamanischen Trancetanz und ekstatischem Hüpfen, steckten die Menschen um ihn herum an. Es bildete sich ein Kreis. Die Festivalbesucher dachten, es sei eine neue Art von Moshpit, doch für den Schamanen war es ein ritueller Kreistanz zur Erdung der tanzenden Menge.
Plötzlich verdunkelte sich der Himmel über Neuhausen. Ein typisch heftiges Sommergewitter zog auf, Sturmböen peitschten über das Gelände. Panik drohte auszubrechen, als die Musik stoppte. Jetzt schlug die Stunde des Schamanen. Er kletterte auf einen leeren Getränkekasten, hob seine Trommel und begann, gegen den Donner anzuspielen. Sein Rhythmus war fest, beruhigend und im Takt des Donners. Die Menschen um ihn herum hielten inne, fasziniert von der furchtlosen Gestalt. Er rief die Geister des Heubergs an, den Sturm friedlich vorbeizuziehen zu lassen. Und tatsächlich: Das Unwetter streifte den Flugplatz nur, der schwere Kern zog weiter Richtung Donautal.
Als der Regen aufhörte und der Sternenhimmel über dem Festivalgelände aufklarte, war der Schamane vom Heuberg längst eine Legende. Er hatte den Frieden bewahrt, die Geister beschwichtigt und den Menschen gezeigt, dass die stärkste Magie manchmal in den eigenen Wurzeln liegt. Mit einem Lächeln im Gesicht und einer Packung Glitzer im Bart machte er sich im Morgengrauen auf den Heimweg Richtung Heuberg – die Trommel fest im Griff und den Rhythmus von tausenden glücklichen Menschen im Herzen.
