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Zu viel zum Leben?

Die stille Überforderung der „armen Reichen“

Von David Cohnen

Wer in Deutschland mehr als 780.000 Euro besitzt, gehört bereits zu den reichsten zehn Prozent. Dennoch gibt es eine Bevölkerungsgruppe, die in politischen Debatten kaum vorkommt, obwohl sie zahlreich ist und wirtschaftlich zunehmend unter Druck steht: Menschen, die in den 1970er‑ oder frühen 1980er‑Jahren ein kleines Haus gekauft haben. Damals kostete ein solches Eigenheim 200.000 bis 300.000 DM – ein Betrag, der mit viel Verzicht noch zu bewältigen war.

Heute gelten diese Menschen als „vermögend“, weil das Finanzamt ihr Haus mit 800.000 oder 1.000.000 Euro bewertet.
Doch dieser Wert ist eine Zahl auf dem Papier.

  • Er ist kein Einkommen.
  • Er ist kein Polster.
  • Er ist kein Schutz.

Die Realität ihres Alltags sieht völlig anders aus.

In den 1980er‑Jahren haben viele dieser Familien – sagen wir einmal mit drei Kindern – im eigenen Haus gelebt, ihre Kinder großgezogen und die Finanzierung Schritt für Schritt abbezahlt. Damals bedeutete Wohnen im eigenen Haus, lediglich minimale Nebenkosten tragen zu müssen – ein überschaubarer Betrag, der die Aussicht auf ein finanziell entlastetes Leben im Alter realistisch erscheinen ließ. Heute sind diese Menschen im Rentenalter und gelten statistisch als reich, obwohl ihr Vermögen fast ausschließlich aus dem Haus besteht und damit vor allem auf dem Papier existiert.

  1. Die jährlichen Fixkosten eines typischen Rentnerhaushalts mit einem Einfamilienhaus

Die folgenden Zahlen sind realistisch, konservativ und entsprechen den heutigen Durchschnittswerten:

  • Grundsteuer: 1.400 €
  • Gebäudeversicherung: 1.100 €
  • Heizung (Gas/Öl): 2.000 €
  • Heizungswartung/Reparaturen: 300 €
  • Strom: 1.100 €
  • Wasser: 500 €
  • Abwasser: 500 €
  • Müllabfuhr / Straßenreinigung: 500 €
  • Schornsteinfeger: 200 €

Gesamtkosten pro Jahr: 7.600 €
Kosten pro Monat: 633 €

Diese Zahlen sind nicht übertrieben – sie sind typisch.

  1. Die Einnahmen: Eine Rente von 1.800 €

Nach Abzug der Fixkosten bleiben:

1.800 € – 633 € = 1.167 € pro Monat

Das ist das gesamte Budget für:

  • Lebensmittel
  • Kleidung
  • Medikamente
  • Versicherungen
  • Rücklagen
  • Mobilität
  • Notfälle
  • Reparaturen
  • Geschenke
  • soziale Teilhabe

Es ist ein Budget, das kaum Luft zum Atmen lässt.

  1. Die Mobilitätskosten: Ein altes Auto, wenig gefahren – aber teuer

Viele ältere Menschen fahren nur noch 5.000 km pro Jahr.
Trotzdem entstehen folgende Kosten:

  • Kfz‑Steuer: 150–250 €
  • Versicherung (Haftpflicht + Teilkasko): 400–700 €
  • Benzin (5.000 km × 7 l × 1,80 €): 630 €
  • Wartung / TÜV / Verschleiß: 300–600 €
  • Unvorhergesehene Reparaturen: 300–1.000 €

Realistisch sind:

👉 1.800–2.200 € pro Jahr
👉 150–180 € pro Monat

Damit sinkt das verfügbare Budget auf:

1.167 € – 165 € = ca. 1.000 € pro Monat

  1. Was passiert bei einer größeren Reparatur?

Eine kaputte Heizung kostet:

  • 1.500–2.000 €

Eine neue Waschmaschine:

  • 400–700 €

Ein neuer Kühlschrank:

  • 500–900 €

Ein Auto‑Defekt:

  • 300–1.500 €

Eine einzige Reparatur frisst:

  • 1–2 Monatsbudgets

Zwei Reparaturen im selben Jahr:

  • führen sofort ins Minus

Drei Reparaturen:

  • machen den Haushalt finanziell handlungsunfähig
  1. Und dann kommen die sozialen Kosten

Viele ältere Menschen haben Kinder, die weit weg wohnen – oft in einem anderen Bundesland.
Ein Besuch kostet:

  • Benzin: 80–150 €
  • Verpflegung: 20–40 €
  • Kleine Geschenke: 20–50 €

Ein Besuch bei den eigenen Kindern kann 200 € kosten.
Für viele ist das bereits eine Hürde.

Urlaub?

  • Nicht finanzierbar.
  1. Das Paradox der „ärmeren Millionäre“

Diese Menschen:

  • besitzen ein Haus
  • haben aber kaum Einkommen
  • haben Vermögen auf dem Papier
  • aber keine Liquidität
  • haben Verantwortung
  • aber keine Reserven
  • haben Werte
  • aber keine Sicherheit

Sie sind „reich“ in der Statistik –
aber arm im Alltag.

Sie sind Eigentümer –
aber überlastet durch laufende Kosten.

Sie sind Teil der Mittelschicht –
aber stehen finanziell am Rand.

  1. Die stille Wahrheit

Es braucht keine große Enteignung, um Menschen zu überfordern.
Es reicht:

  • eine Grundsteuerreform
  • steigende Energiepreise
  • höhere Versicherungsprämien
  • steigende Gebühren
  • teurere Reparaturen
  • höhere Abgaben
  • steigende Lebenshaltungskosten

Es ist eine schleichende Belastung, die Jahr für Jahr zunimmt.
Eine Belastung, die nicht laut ist, aber zerstörerisch.
Eine Belastung, die Menschen trifft, die ihr Leben lang gearbeitet haben.

Und am Ende bleibt die Frage:

Wie lange kann ein Land bestehen, wenn selbst jene, die alles richtig gemacht haben, finanziell kaum noch überleben?

Gleichzeitig findet das Land immer Mittel, um Menschen zu unterstützen – ganz gleich, ob sie hierherkommen oder dortbleiben, wo sie sind. Und wenn das dafür nicht reicht, holt man sich den Rest beim sogenannten ‚Rentnermillionär‘, dem man ohnehin schon mehr abverlangt als er tragen kann.

Dem gegenüber steht eine andere Familie, die heute ebenfalls drei Kinder hat, jedoch vollständig vom Staat finanziert wird. Eine solche Familie erhält an Bürgergeldleistungen monatlich rund 2.600 Euro. Hinzu kommen die Kosten der Unterkunft: eine Wohnung von etwa 95 Quadratmetern, wie sie für eine fünfköpfige Bedarfsgemeinschaft üblich ist. Liegt diese Wohnung in einem Neubau, dessen Herstellungskosten in Berlin bei etwa 6.000 Euro pro Quadratmeter liegen, entspricht das einem Gesamtwert von rund 570.000 Euro. Verglichen mit dem vermeintlich „reichen“ Rentner besitzt diese Familie zwar kein Eigentum, verfügt aber faktisch über staatlich garantierte Wohnkostenfreiheit und ein monatliches Einkommen, das ihre reale Lebenslage in mancher Hinsicht stabiler macht als die des Rentners, dessen Vermögen fast ausschließlich auf dem Papier existiert.

Auch eine Familie ohne Eigentum benötigt Wohnraum. In angespannten Wohnungsmärkten entstehen dadurch erhebliche volkswirtschaftliche Kosten, die letztlich von anderen getragen werden müssen. Der Unterschied besteht darin, dass der Rentner die Kosten seines Wohnraums weitgehend selbst trägt, während die Wohnkosten der Transferempfänger von der Allgemeinheit finanziert werden.

Vielleicht liegt das eigentliche Paradox unserer Zeit darin, dass Menschen mit einem Haus im Wert von einer Million Euro jeden Euro umdrehen müssen, während andere ohne Vermögen finanziell abgesicherter leben können.

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