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Brandmauerschwalben

Legt Deutschland den Rückwärtsgang ein, hin zur DDR?

Von MEINRAD MÜLLER

1990 stimmte die DDR-Volkskammer dafür, sich der Bundesrepublik anzuschließen. Stellen wir uns 36 Jahre später vor, die BRD wäre der DDR beigetreten. Die Grenzen wären dicht, der Wodka billig, die Mieten auch. Die Partei „Die Linke“ lebte im Sozialisten-Paradies. Der Rest dürfte dankbar daran teilhaben.

Die Grenzanlagen der DDR wären nicht abgerissen, sondern um das vergrößerte Arbeiterparadies herum verlängert worden. Am Rhein entlang, quer über die Alpen und mitten durch den Bodensee. Auch die Nordsee wäre gegen Republikflüchtlinge gesichert worden. Niemand müsste mehr überlegen, wohin er auswandert. Der Staat nähme einem ihm diese quälende Entscheidung ab.

Der Plattensee läge nun im kapitalistischen Ausland. Italien, Spanien und Österreich ebenfalls. Dafür blieben Ostsee, Nordsee und Bodensee. Der Bürger dürfte also zwischen drei Gewässern wählen. Am Bodensee allerdings nur auf der richtigen Seite und unter den wachsamen Augen der Grenztruppen. Private Segelboote wären verboten. Wer aufs Wasser wollte, dürfte mit der Betriebssportgruppe rudern. So hätte jeder Urlaub. Nur eben dort, wo der Staat ihn vorgesehen hatte.

Arbeitfür alle, Waren für später
Mercedes, BMW, Siemens und Volkswagen wären volkseigene Betriebe geworden. Kein Unternehmer hätte mehr aus Habgier jedes Jahr neue Modelle entwickeln müssen. Ein Auto hätte für mehrere Jahrzehnte genügt.

Arbeitslosigkeit gäbe es offiziell nicht. Jeder hätte eine Stelle. Ob Material, Arbeit oder Kundschaft vorhanden wären, spielte keine Rolle. Hauptsache, der Plan stimmte.

Die Mieten wären niedrig geblieben. Häuser hätten deshalb auch nicht ständig saniert werden müssen. Wärmepumpen hätte der Staat eingebaut und die Braunkohle zur Stromgewinnung aktiviert.

Zuwanderung mit Rückfahrkarte
Gastarbeiter kämen ausschließlich aus sozialistischen Bruderländern wie Kuba oder Vietnam. Sie würden dort arbeiten, wo der Staat sie einteilte, in Wohnheimen leben und nach einigen Jahren wieder nach Hause geschickt.

Jahrelanges Herumlungern bei Vollverpflegung, kostenloser Unterkunft und medizinischer Versorgung hätte der Arbeiter-und-Bauern-Staat nicht geduldet. Wer ins Land kam, sollte arbeiten. Wer nicht mehr gebraucht wurde, den schickte man zurück. Auch die sozialistische Völkerfreundschaft kannte eine Hausordnung.

Die Einheitspartei ist schon da
Politisch hätte sich für die Bürger weniger geändert, als man vermuten könnte. Die DDR besaß eine Einheitspartei mit mehreren Blockparteien. Heute besitzt Deutschland mehrere Parteien, die sich bei den großen Fragen wie eine Einheitspartei verhalten.

Sie tragen verschiedene Namen, verteilen unterschiedliche Luftballons und streiten vor den Kameras. Wird es ernst, stehen sie gemeinsam hinter der Brandmauer.

Die Opposition darf pro forma mitspielen. Sie soll nur keine Verantwortung bekommen, keine wichtigen Posten erhalten und möglichst auch keine Gesprächspartner finden. So bleibt die NDD, die Neue Deutsche Demokratie, sauber und übersichtlich.

Westen auf friedlichem Wege eingeholt
Dazu berichtet eine wohlwollende Presse jeden Morgen, dass der Staatsratsvorsitzende erfolgreich arbeite und die Stimmung im Land ausgezeichnet sei. Erstaunlich ist nur, wie schnell westdeutsche Journalisten gelernt haben, was in der DDR jahrzehntelang praktiziert wurde.

Schädliche Elemente müssen heute nicht mehr konsequent nach Bautzen. Das wäre grob und erzeugte unschöne Bilder. Man nimmt ihnen den Arbeitsplatz, den Saal, das Konto oder den Zugang zur Öffentlichkeit.

Niemand wird vier Jahre in Untersuchungshaft eingesperrt. Die DDR ist also nicht untergegangen. Sie hat lediglich 36 Jahre gebraucht, um den Westen auf friedlichem Wege einzuholen.
(pi-news.net)

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