Gibbon und die ewige Krise Roms - Teil 1
Von Gastautor Shoumojit Banerjee
250 Jahre nach seiner Veröffentlichung bleibt Edward Gibbons Verfall und Untergang des Römischen Reiches die maßgebliche Abhandlung über die Vergänglichkeit von Zivilisationen.
In den 1980er Jahren versuchte der deutsche Historiker Alexander Demandt, alle jemals vorgebrachten Erklärungen für den Untergang des Weströmischen Reiches im Jahr 476 n. Chr. zu katalogisieren. In „Der Fall Roms“ (1984) führte Demandt mehr als zweihundert Ursachen auf, die zum Zusammenbruch Roms führten, von äußerst plausiblen bis hin zu geradezu skurrilen. Dazu gehörten unter anderem militärische Überdehnung, das Christentum, Bleivergiftung, Rassenvermischung, Besteuerung, Pest, Inflation, sinkende Geburtenraten, Klimawandel und schlichtes Pech. Im Kern besagt Demandts exzentrischem Katalog nichts anderes, als dass Roms Absturz nie aufhört, weil Historiker nie aufgehört haben, darüber zu streiten, wieso es dazu kam.
Kein Werk im westlichen historischen Kanon hat diese Debatte tiefgreifender geprägt als Edward Gibbons erhabene und meisterhafte „Geschichte vom Untergang und Fall des Römischen Reiches“, deren erster Band 1776 erschien – vor genau 250 Jahren. Noch heute überragt Gibbons Magnum Opus die umfangreiche Literatur, die es inspiriert hat. Zwar haben nachfolgende Historiker neue Ursachen vorgeschlagen, alte Erklärungen revidiert und viele von Gibbons Schlussfolgerungen in Frage gestellt, doch bis heute hat ihn keiner aus dem Zentrum der Debatte verdrängt.
Antiquarisches Rätsel
Wieso waren die Denker des 18. Jahrhunderts so fasziniert vom Untergang Roms? Die Beschäftigung mit dem Thema ergab sich ganz natürlich aus der Aufklärung selbst, jener großen europäischen intellektuellen Bewegung des 17. und 18. Jahrhunderts, die sich für Vernunft, Wissenschaft und menschlichen Fortschritt begeisterte. Diese neue Philosophie des Fortschritts ermutigte die Europäer, die Vergangenheit kritisch zu sehen, insbesondere die klassische Antike und die frühe Kirche.
Die Aufklärer glaubten, dass die menschliche Gesellschaft durch Vernunft, Handel und Wissenschaft voranschreite. Fortschritt schien nicht nur möglich, sondern fast zwingend. Zugleich fragten die Nachdenklicheren sich: Hätte ein römischer Philosoph, der zur Blütezeit des Reiches lebte, nicht ähnliche Annahmen hegen können? Wie sicher also war dieser Fortschritt? Wer hätte im 2. Jahrhundert nach Christus ahnen können, dass die Zivilisation der klassischen Antike eines Tages von Barbaren überrannt werden würde, strahlende Städte zerstört und Europa in Jahrhunderte der Umnachtung gestürzt werden könnte, die spätere Generationen als ‚dunkles Zeitalter‘ bezeichnen würden? Eben das jedoch war geschehen. Und wenn Zivilisation schon einmal untergegangen sind, können sie das wieder tun.
Dieses zutiefst verstörende Potential machte den Untergang Roms zu einer der zentralen Fragen aufklärerischen Denkens. Um sich die Zukunft vorzustellen, musste man zunächst den Gang der Geschichte erhellen und herausfinden, wieso das größte Reich, das die Welt je gekannt hatte, verfallen und zusammengebrochen war.
Die Entstehung von Gibbons monumentaler Arbeit ist selbst Teil der literarischen Mythologie geworden. Am 15. Oktober 1764, während eines Besuchs in Rom, habe er „nachdenklich inmitten der Ruinen auf dem Hügel des Kapitols“, gesessen, „während barfüßige Mönche im Jupiter-Tempel die Vesper sangen“. In diesem Augenblick, so erinnerte Gibbon sich später, „kam mir zum ersten Mal der Gedanke, den Niedergang und Fall der Stadt zu schreiben“.
Doch „Verfall und Untergang“ entstand nicht nur aus einer romantischen Träumerei inmitten antiker Ruinen. Es war an sich der Ausdruck einer der großen intellektuellen Revolutionen Europas. Jahrhundertelang hatte Geschichtsschreibung weitgehend im Schatten der Theologie gestanden. Christliche Chronisten und Kirchenmänner hatten im Aufstieg und Fall von Reichen den Ausdruck des Willens Gottes gesehen. Sie blühten auf, weil die Vorsehung sie begünstigte; und sie verfielen, weil Gott über sie richtete. Die Aufgabe des Historikers war weniger, die Ursachen dafür zu ergründen, sondern darin den göttlichen Plan zu erkennen. Eusebius’ „Kirchengeschichte“ und Augustinus’ „De civitate Dei“ hatten in der Spätantike das Modell göttlicher Vorsehung etabliert: Demnach war Rom aufgestiegen, weil Gott es zuließ, und es war untergegangen, weil Gott es verurteilte. Christliche Historiker bis hin zu Jacques-Bénigne Bossuet im siebzehnten Jahrhundert folgten dieser Deutung.
Die Denker der Renaissance und frühen Neuzeit zogen die theologische Sicht zunehmend in Zweifel. Statt zu rätseln, was Gott beabsichtigte, begannen sie zu fragen, wie die Menschen sich verhalten hatten. Sie fingen an, sich für politische, wirtschaftliche, militärische und soziale Ursachen hinter historischen Abläufen zu interessieren.
Im 17. Jahrhundert dann schlug das Pendel weit in die entgegengesetzte Richtung aus, als die sogenannten Pyrrhonisten – benannt nach dem antiken griechischen Skeptiker Phyrron von Elis – vermeintliche historische Beweise unerbittlicher Kritik unterzogen. Pierre Bayles monumentales „Historisch-kritisches Wörterbuch“ (1697) war eine wahre Abrissmaschine für überlieferte Wahrheiten, in der er gefälschte Dokumente, fromme Erfindungen und überlieferte Mythen entlarvte. Obwohl derlei Kritik oft wertvoll war, warf sie zugleich die beunruhigende Frage auf: Sofern sich jede Quelle anzweifeln ließ, vermochte Geschichte dann überhaupt noch irgendetwas mit Sicherheit zu erklären?
Philosophische Geschichte
Gibbon suchte einen Weg zwischen den Extremen. Während er die Idee verwarf, dass Geschichte lediglich das Entfalten eines göttlichen Plans sei, hielt er die Vergangenheit durchaus für einen Quell der Erkenntnis. Er wandte sich dem Ansatz der „philosophischen Geschichte“ zu – der Erforschung menschlicher Ursachen hinter historischen Ereignissen. Wieso entstehen Imperien? Warum verfallen sie? Wie prägen Religion, Institutionen, Handel, Ideen und politische Macht das Schicksal von Zivilisationen? Dies wurden die Fragen, die ihn in „Verfall und Untergang des Römischen Reichs“ umtreiben sollten.
Die geistige Genealogie von Decline and Fall geht bis auf Niccolò Machiavelli zurück, der zu den ersten modernen Denkern gehört, die Geschichte nicht als Spiegel göttlicher Absichten, sondern als Folge menschlichen Handelns betrachten. Seine Discorsi sopra la storia di Tito (posthum veröffentlicht 1531) markierten eine kardinale Abkehr von der mittelalterlichen Geschichtsauffassung. Für Machiavelli entstanden Republiken durch virtù (‚Tugend‘ oder ‚Wirkungskraft‘), die er als eine Mischung aus Tatkraft, Zivilcourage und militärischer Disziplin beschreibt – und sie verfielen durch Korruption, Luxus, Fraktionskämpfe und die Abhängigkeit von Söldnern.
Machiavellis jüngerer Zeitgenosse Francesco Guicciardini trieb diesen Bruch noch weiter voran. Seine Geschichte Italiens (Storia d’Italia), veröffentlicht 1561, wandte sich von der mittelalterlichen moralischen Allegorie ab – hin zu sich dokumentierten Ereignissen und Belegen. So verband er diplomatischen Realismus mit psychologischer Analyse. Guicciardini misstraute großartigen Abstraktionen und konzentrierte sich auf Möglichkeiten, Motive und Eigeninteressen. Doch eine derart säkulare Geschichtsdeutung geriet unter enormen Druck seitens der religiösen Orthodoxie. Die Gegenreformation suchte ihre theologische Autorität im katholischen Europa wiederherzustellen. Derweil entwickelten die Protestanten ihre eigenen, damit konkurrierenden Erzählungen von der Vorsehung. Beide Seiten wetteiferten darum, Geschichtsschreibung wieder für ihre jeweilige Auslegung der göttlichen Ordnung zu vereinnahmen.
Vor diesem Hintergrund wagte Jacques Auguste de Thou eines der herausragendsten Projekte des frühneuzeitlichen Europas. Seine Historia sui temporis („Geschichte der eigenen Zeit“), veröffentlicht zwischen 1604 und 1620, ist der kühne Versuch, über die französischen Religionskriege zu berichten, ohne in konfessionellen Hass zu verfallen. Obwohl er selbst katholisch und der französischen Krone treu ergeben war, behandelte der freisinnige de Thou die protestantischen Akteure mit bemerkenswerter Fairness. Er widerstand der Versuchung, Politik auf Theologie zu reduzieren, was Eiferer beider Seiten erzürnte.
Paolo Sarpis Geschichte des Konzils von Trient von 1619 war von einem ähnlich toleranten Geist beseelt. Sarpi entkräftete die triumphale katholische Darstellung der Gegenreformation, indem er die kirchliche Machtpolitik, Fraktionsintrigen und institutionellen Eigeninteressen aufdeckte.
Der entscheidendste Vorläufer Gibbons jedoch dürfte Pietro Giannone gewesen sein. Gibbon stieß während der für ihn prägenden Jahre in Lausanne auf Giannones Zivilgeschichte des Königreichs Neapel (Istoria civile del Regno di Napoli, 1723), ein wegweisendes Werk der säkularen Geschichtsschreibung – in der Schweiz war Gibbon nach seiner eher katastrophalen Zeit in Oxford gelandet, an die er sich später mit den denkwürdigen Worten erinnerte, sie sei „von Portwein und Vorurteilen durchtränkt“ gewesen.
Giannone sah die Kirche nicht als heilige Institution, sondern als eine politische Körperschaft, die nach Reichtum, legalen Privilegien und weltlicher Macht gierte. Für diesen Frontalangriff auf die klerikale Selbstwahrnehmung zahlte er einen hohen Preis. Exkommuniziert und ins Exil getrieben, war er jahrelang auf Flucht, bis ihn ein Vertrauter unter falschen Versprechen auf savoyisches Gebiet lockte, wo man ihn Ostern 1736 verhaftete und einkerkerte. Nach zwölfjähriger Gefangenschaft starb er 1748 im Turm der Zitadelle von Turin.
Doch Charles-Louis de Montesquieu übernahm Giannones Sichtweise und entwickelte sie konsequent weiter. Seine Betrachtungen über die Ursachen der Größe der Römer und ihres Niedergangs (1734) sind das vielleicht wichtigste Modell aufgeklärter Historiografie vor Gibbon selbst.
Montesquieu analysierte Rom anhand seiner Institutionen, militärischen Organisation, seines Handels, seiner bürgerlichen Tugenden und politischen Psychologie, statt Vorsehung oder göttliche Gunst zu bemühen. Roms Größe, argumentierte er, habe in sich bereits den Keim des eigenen Verfalls getragen.
Fortsetzung folgt morgen.
(vera-lengsfeld.de)
