Vom Schneeballsystem zur „formellen Systemfrage“
Von RAINER K. KÄMPF
Markus Lanz und Richard David Precht gehen im neuesten Sommergespräch gemeinsam mit Juli Zeh („Jeder vernünftige Analyst hat noch nie an den mündigen Bürger geglaubt“) auf die Suche nach dem mündigen Bürger (Video oben). Auf den ersten Blick scheint das eine diffizile Angelegenheit.
Stellt sich doch eingangs die Frage: Wann ist der Bürger mündig? Sicher, wenn er auf der Grundlage einer entsprechenden Allgemeinbildung in der Lage ist, die Welt um ihn herum kognitiv zu erfassen, zu erkennen und daraus die erforderlichen Schlüsse zu ziehen.
Die absolute Horrorvorstellung für ein System, das ideologiebesessen die freie Gesellschaft demontiert und eine zunehmende autokratische Ordnung installiert. Das nicht nur unter der Duldung der Mehrheit der Bürger, sondern wieder und wieder mit deren ausdrücklicher Zustimmung.
Die zu erreichen, war kein leichter Weg. Über Jahrzehnte wurde alles dafür getan, eben das Niveau der Allgemeinbildung zu nivellieren und im gleichen Zug die Erkenntnisfähigkeit mittels der vortrefflichen Instrumente des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einzutrüben. Die zum großen Teil gleichgeschaltete Presse war das Sahnehäubchen des Propagandaapparates.
Das System der Berliner Republik wollte und will keine mündigen Bürger. Es brauchte die stromlinienförmigen, angepaßten und leicht einzuschüchternden. Die willige und willfährige Masse zum Erhalt der eigenen Macht. Der vielbeschworene mündige Bürger stört da nicht nur gewaltig – er wird als Feind gesehen und so stilisiert. Das Instrument dazu liefert kurioserweise gerade die Etappe der deutschen Geschichte, während der die Bürger tiefer entmündigt waren denn je.
Das zutiefst perfide Geschäft, den Menschen die Fähigkeit zur freien Entscheidung auszutreiben und ihnen glauben zu machen, die oktroyierte Wahl einer zerstörerischen Kartellpolitik sei deren unbeeinflußte freie Entscheidung zum eigenen Wohl, toppt jede bisher dagewesene Strategie ähnlich ausgerichteter Schneeballsysteme.
Den Letzten beißen die Hunde, und das wären in diesem Fall die entmündigten Bürger selbst. So sein muß das nicht. Als Eva den Apfel nahm, brachte sie eine Utopie in die Welt. Diese umzusetzen, liegt an jedem selbst.
Halten wir uns an Goethes Faust und trocknen den Sumpf aus: „Das ist der Weisheit letzter Schluß: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß.“
(pi-news.net)
