Chronik einer großen Entlastung
Von David Cohnen
Alles war bestens. Das Land hatte sich von einer grausamen Vergangenheit erholt. Fleiß, steigende Bildung, noch mehr Fleiß, hohe Produktivität, blühender Handel und eine florierende Wirtschaft mehrten den Wohlstand. Das sprach sich herum.
Dann begann es unspektakulär. So, wie Katastrophen immer beginnen.
Der Staat sorgte für alles. Für die eigenen Bürger. Für jeden, der sich in diesem Staat wohlfühlen wollte. Er engagierte sich für die ganze Welt, half, rettete, nahm auf und verteilte. Wenn das Geld nicht mehr reichte borgte man es sich. Lange Zeit lief tatsächlich alles bestens.
Bis es nicht mehr bestens lief.
Das Bildungsniveau begann zu bröckeln, leise zunächst. Facharbeiter wurden seltener, Wissen wurde flacher, und vieles, was einst selbstverständlich gewesen war, verschwand langsam aus dem Alltag. Auch Handel und Wirtschaft begannen zu schwächeln.
Die Preise krochen erst schleichend, dann immer aggressiver in den Alltag der Menschen. Tanken wurde zum unbezahlbaren Luxus, der wöchentliche Einkauf zur mathematischen Qual, die Heizkostenrechnung zum Albtraum, der Familien nachts wach hielt. Man spürte die Kälte bereits im Hochsommer.
Dann traten die Politiker vor die Kameras, die Gesichter ernst, die Stimmen feierlich – und mit der beruhigenden Gewissheit, eine Lösung zu haben. „Entlastung“, verkündeten sie. „Sofort. Für alle.“
- Benzin sollte wieder bezahlbar sein.
- Mieten gedeckelt werden.
- Lebensmittel günstiger.
- Renten massiv erhöht.
Es klang nicht nach Politik. Es klang nach Erlösung – und wurde genau so geglaubt.
Die Beschlüsse kamen wie ein Hammerschlag.
- Steuer auf Benzin wurde abgeschafft. Ein Liter Super kostete plötzlich 50 Cent.
- Mieten wurden landesweit auf einen bezahlbaren Einheitsbetrag begrenzt.
- Die Preise in den Supermärkten wurden per Dekret halbiert.
- Die Renten stiegen um 40 Prozent.
- Die Pensionen wurden verdoppelt.
Die Menschen jubelten. Auf den Straßen wurde gehupt, in den Wohnzimmern geklatscht, in den Talkshows war man begeistert.
„Endlich eine Regierung, die wirklich handelt!“, riefen sie. Und für einen Moment schien es tatsächlich so.
Die Umfragewerte der Regierungsparteien implodierten – langsam, aber stetig. Man fühlte sich verstanden. Man fühlte sich gerettet.
Dann kam die zweite Phase.
Die, von der niemand gesprochen hatte.
An den Tankstellen leuchteten die neuen, niedrigen Preise in grellen Lettern. Doch schon nach kurzer Zeit standen die Zapfsäulen still. Zuerst nur an den Wochenenden, dann immer öfter. Lastwagenfahrer warteten stundenlang vergeblich.
Die Lieferketten rissen nicht langsam – sie rissen wie überdehnte Seile.
Raffinerien drosselten die Produktion, Importeure stellten ein, Speditionen fuhren nur noch für jene, die bar mit einem „kleinen“ Aufschlag und im Voraus zahlten.
- Offiziell kostete Benzin 50 Cent.
- Praktisch gab es keins mehr.
Wer trotzdem tanken wollte, stand nachts um drei in dunklen Hinterhöfen, wo Männer mit Kapuzen und Kanistern warteten.
5,80 Euro der Liter.
Bar.
Keine Fragen.
Im Supermarkt wurde es gespenstisch.
Die Preise stimmten auf den Cent genau.
Der Inhalt der Regale nicht.
Zuerst verschwanden die Markenprodukte, dann das preiswerte Fleisch, dann die Milch, dann Brot, Nudeln und Kartoffeln.
Die Menschen standen vor leeren Kühltruhen und hielten ihre Einkaufszettel stumm in den Händen.
Kinder fragten ihre Mütter:
„Mama, warum ist da nichts mehr?“
Die Mütter schwiegen.
Die Väter begannen, nachts in fremde Gärten zu schleichen und Kartoffeln auszugraben.
Der Wohnungsmarkt starb, leise aber stetig.
Vermieter stellten die Heizungen ab, ließen nichts mehr reparieren. Schimmel kroch die Wände hoch wie schwarzer Krebs.
Neue Häuser wurden nicht mehr gebaut – wozu, wenn man sie nicht mehr wirtschaftlich vermieten durfte?
Wohnungen waren noch vorhanden.
Aber sie verwandelten sich in feuchte, kalte Gräber.
Familien saßen in dicken Jacken am Küchentisch, weil die Heizung seit Monaten aus war. Alte Menschen erfroren still in ihren Betten
.Die Behörden sprachen von „vorübergehenden Anpassungsschwierigkeiten“. Ein Begriff, der alles erklärte und nichts änderte.
Währenddessen blühte eine zweite, unsichtbare Realität – der Schwarzmarkt.
In Hinterzimmern, geschlossenen Chatgruppen und auf dunklen Parkplätzen gab es plötzlich wieder alles: Benzin, Filetsteaks, Wärmedecken, Medikamente, geheizte Wohnungen.
Die Preise waren nicht mehr öffentlich – sie waren Verhandlungssache. Geld war wertlos geworden. Bezahlt wurde mit allem, was noch Wert hatte.
Wer Beziehungen hatte, wer noch Werte besaß, wer jemanden kannte, der jemanden im Ministerium kannte – der bekam. Die anderen hatten Anspruch. Zumindest auf dem Papier.
Sie gingen leer aus.
Der Staat versuchte verzweifelt, die entstehenden Lücken zu stopfen.
Mit immer neuen Programmen.
Mit immer neuen Sondermilliarden.
Die Sozialhilfe wurde verdoppelt, dann verdreifacht. Die Schulden explodierten. Die Steuereinnahmen brachen ein, weil kaum noch etwas offiziell verkauft und versteuert wurde.
Die Druckerpressen der Zentralbank liefen rund um die Uhr heiß.
Das Geld wurde wertlos, noch während es aus den Automaten quoll – schneller, als man es zählen konnte.
Die Menschen schleppten Kartons voller Scheine durch die Straßen und konnten sich damit kaum noch ein halbes Brot kaufen – wenn sie überhaupt Glück hatten.
Dann kam der Zusammenbruch.
Nicht mit einem großen Knall, sondern mit einem langsamen, erstickenden Röcheln.
Die Krankenhäuser schlossen ihre Notaufnahmen, weil der Diesel für die Notstromgeneratoren fehlte. Die Polizei fuhr nur noch dort Streife, wo es sicher war – für sie.
In den urbanen Wohnsiedlungen brannten Müllcontainer. Die Menschen rissen Holz aus Spielplätzen – aus allem, was sie verbrennen konnten –, um sich zu wärmen.
Jugendliche prügelten sich blutig um ein Paket Nudeln oder ein Brot.
Rentnerinnen standen zitternd in der Kälte und verkauften ihr letztes Hab und Gut für eine Dose Hundefutter.
Wohnungen waren unbewohnbar geworden – und im Winter erstickten Menschen an ihren eigenen Abgasen, weil die notdürftig eingebauten Heizöfen mangelhaft waren.
Germanistan hatte es geschafft.
Die Preise waren gesenkt.
Die Mieten gedeckelt.
Die Renten erhöht.
Das Angebot hatte sich nur nicht daran gehalten.
Die Regale blieben leer.
Die Straßen wurden dunkel.
Die Menschen wurden arm.
Der Staat zerfiel.
Und in den offiziellen Pressemitteilungen stand in fetten Buchstaben:
„Die größte Entlastung der Geschichte ist gelungen.“
Eine Geschichte – solange man sie noch rechtzeitig als solche erkennt. Danach nennt man es Realität.
