Warum wird Marokko nicht verurteilt?
Von WOLFGANG HÜBNER
Als der Massenansturm meist junger Männer aus dem benachbarten Marokko in die spanische Enklave Ceuta vor einigen Tagen große Panik in der migrantengesättigten EU auslöste, wurde sofort heftige Kritik an Spanien und seiner sozialistischen Regierung laut. Das erschien auch nicht unverständlich, denn dem Heer der nach Europa strebenden Menschen standen nur wenige Grenz- und Polizeikräfte gegenüber. Einige EU-Staaten wie Italien taten sich mit Kritik an Madrid besonders hervor. Aus der Trump-USA und Israel waren teils hämische Kommentare zu hören.
In Deutschland wurden Ängste vor einem neuen Herbst 2015 wach. Was auffiel und immer noch auffällt: Die ausbleibende, bestenfalls sehr vorsichtige Kritik an dem Herkunftsstaat der inzwischen weitgehend wieder zurückgekehrten Massen. Dabei konnte vom ersten Moment des Geschehens kein Zweifel daran bestehen, dass niemals Zehntausende zum exakt gleichen Zeitpunkt die Grenze ohne Einverständnis oder gar Förderung der marokkanischen Behörden hätten überwinden können. Schließlich wird der nordafrikanische Staat mit harter Hand vom Regime eines autoritären Königs in Rabat regiert.
Für jeden Kommentator in den deutschen Medien müsste sich deshalb der Verdacht geradezu aufdrängen, ob die offenbar insgeheim von Marokko genehmigte Invasion politische Motive haben könnte. Bekannt sind ja die engen Beziehungen Marokkos sowohl zu den USA als auch zu Israel. Beide Staaten haben durchaus Gründe, Spanien zu schaden: Die USA wegen Madrids Weigerung, dem amerikanischen Militär Hilfe im Krieg gegen Iran zu leisten. Israel wegen der spanischen Gaza-Politik. Rachemaßnahmen der USA und Israel sind zumindest nicht auszuschließen, auch wenn diese sich bislang nicht zweifelsfrei nachweisen lassen können.
Dass aber Marokko eine üble, zynisch-tödliche Rolle in den Ereignissen gespielt hat, kann nicht bestritten werden. Die Verantwortlichen in Rabat und womöglich anderswo haben nämlich viele Menschenleben auf dem Gewissen, die jämmerlich ertrunken im Meer endeten. Trotzdem wird Marokko ein enger Freund des Westens und der EU bleiben. Denn es gilt das alte amerikanische Motto gegenüber nützlichen Diktatoren auch für das autoritäre Königreich: „Es mag ein Hurensohn sein, aber es ist unser Hurensohn.“
PS: Die heutigen Meldungen in deutschen Medien, die Invasoren seien von „Fake News“ im Internet nach Ceuta gelockt worden, sind einfach nur lächerlich, zumal sie von staatlich kontrollierten marokkanischen Stellen und Medien stammen. Für wie dumm werden wir eigentlich gehalten?
(pi-news.net)
